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Wolfsstadt
(Exposé) (Bei „Wolfsstadt” handelt es sich um die Fiktionalisierung eines realen Mordfalls aus der Münchner Kriminalgeschichte. Alle Bezüge zu tatsächlichen Personen und Umständen, soweit es sich nicht um solche der Zeitgeschichte handelt, wurden unkenntlich gemacht.) Die tote Estin
Am 29. April 1948 finden Anwohner
die
grausam verstümmelte Leiche einer jungen Frau in einem Baggersee
am Stadtrand von München: Kopf und Beine fehlen, die Hände
sind hinter dem Torso mit einem Seil zusammengebunden. Nach einigen Schwierigkeiten kann die Münchner Kriminalpolizei die Identität der Toten ermitteln: Es handelt sich um ein Flüchtlingsmädchen aus Estland, die mit ihren Eltern in einem UN-Lager für Displaced Persons in der Nähe Stuttgarts gelebt hat. Unter dem Vorwand, Arbeit zu suchen, ist die junge Frau immer wieder mit dem Zug nach München gefahren, hat sich dort aber nicht um eine Stellung bemüht, sondern im Umfeld von Schwarzmarkt und Straßenstrich Zerstreuung und flüchtige Männerbekanntschaften gesucht. Ihre Eltern wissen nichts von ihrem Doppelleben. Die ermittelnden Beamten
beschäftigen
sich den Rest des Jahres über mit der Jagd auf den Mörder,
aber alles, was sie herausfinden können, sind vage Hinweise: Die
Tote hat getrunken, in den Tag hineingelebt, sexuelle Beziehungen zu
vielen verschiedenen Männern unterhalten, und einige dieser
Männer sind Schwarzmarkthändler, jüdische
Überlebende
der nationalsozialistischen Konzentrationslager, amerikanische
Soldaten oder Glücksritter mit dunkler Vergangenheit.
Zunächst
vielversprechend erscheinende Spuren enden im Nichts, Zeugen wandern
im Laufe der Untersuchung nach Kanada oder Israel aus, von den
Ausländern traut niemand der deutschen Polizei. Darüber
hinaus ist die tote Estin nur ein Fall von vielen in einer Zeit, in
der nur an Verbrechen kein Mangel herrscht. Pommernland ist abgebrannt ... ... und Fritz Lehmann kann nicht nach
Hause
zurück, weil seine Heimat von der Roten Armee besetzt und im
Potsdamer Abkommen dem polnischen Staat zugeschlagen wurde. In Bayern
aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen, bleibt dem
bulligen Stettiner Polizeibeamten nichts weiter übrig, als bei
der Münchner Kripo einen Neuanfang zu wagen, während seine
Eltern und Geschwister noch in einem Flüchtlingslager in der
sowjetischen Besatzungszone auf eine Gelegenheit warten, in den
Westen zu fliehen – ein Schicksal, das Millionen anderer
Vertriebener in dieser Zeit teilen müssen.
Lehmann will nur noch eins: alles vergessen. Im Krieg war er Unteroffizier bei einer Einheit der kasernierten Ordnungspolizei, die in den besetzten Gebieten im Osten nicht nur Aufgaben wahrnimmt, die der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung dienen. In einer stetig abwärts weisenden Spirale der Brutalisierung wird das Bataillon zunächst zur Grenzsicherung und Partisanenbekämpfung, dann aber für die „Konzentration” und den Abtransport von Juden aus Deutschland und der Tschechoslowakei nach Litauen und Polen eingesetzt, wo sie angeblich neu angesiedelt werden sollen. Noch glaubt Lehmann der offiziellen Propaganda; er ist durchaus kein fanatischer Antisemit und stammt aus einer Familie, die eher altmodisch-preußisch als nationalsozialistisch geprägt ist. Darüber hinaus haben ihm die Gesetze des „Dritten Reiches“ überhaupt erst ermöglicht, die gewünschte Polizistenlaufbahn einzuschlagen, sodass er sich zunächst nur als das Werkzeug einer übertriebenen, aber nicht völlig unangemessenen Härte empfindet.
1942 werden die Ordnungspolizisten dann aber in die besetzten Gebiete im ehemaligen Ostpolen, nach Wolhynien verlegt und Lehmann muss der grausamen Wahrheit ins Gesicht sehen: Die Deportierten sind nicht neu angesiedelt, sondern samt und sonders auf bestialische Weise umgebracht worden. Das Bataillon muss jetzt die Juden aus den Schtetln des Bezirks zusammentreiben, um sie in die Stadt Sarny zu bringen, wo sie in einer alten Kaserne interniert und schließlich von ukrainischen SS-Einheiten unter deutscher Leitung mit MGs hingeschlachtet werden. Als Lehmann mit seinem Trupp Polizisten in die Nähe der Erschießungsgruben gerät und persönlich den Befehl erhält, auf wehrlose Frauen und Kinder zu schießen, bringt er nicht den Mut auf, ihn zu verweigern, obwohl dies möglich wäre. Jetzt wird er selbst zum Mörder. Aber der junge Polizist ist noch nicht völlig verroht: Nachdem ihm die Erschießungen körperlich einen derartigen Ekel verursachen, dass er in Ohnmacht fällt, wird er von den Ukrainern und SS-Leuten selbst als Feigling verhöhnt und misshandelt, später von der Polizeiführung als „nicht ostfähig“ nach Hause geschickt. Schließlich kommt er mit einem anderen Polizeibataillon zur Partisanenbekämpfung in das Hinterland der italienischen Front, wo er sich bei der erstbesten Gelegenheit von den Amerikanern gefangen nehmen lässt. Er hat seinen Glauben verloren – sowohl an sich selbst als auch an sein Land. Er nutzt aber die Kriegsgefangenschaft, um sich in den Lagern in den amerikanischen Südstaaten weiterzubilden und auf das Leben nach dem Krieg vorzubereiten. Er liebt jetzt Duke Ellington, besucht einen Demokratiekurs und lernt Englisch, niemand kennt seine Vergangenheit, niemand fragt danach – er war ja nur Polizist, kein Soldat, kein SS-Mann ...
Munich Noir
Das München der Nachkriegszeit hat wenig mit der Stadt zu tun, die sich dem heutigen Besucher präsentiert. Statt prächtiger Häuser und Paläste säumen ausgebrannte Ruinen die Straßen, immer noch müssen die Trümmer mühsam weggeräumt werden, jederzeit kann eine nicht explodierte Fliegerbombe die Arbeiten für Tage unterbrechen und erneut Menschenleben gefährden. Das Wirtschaftsleben wird vom Schwarzmarkt bestimmt, der sich zum größten Teil in der Hand organisierter Banden aus ehemaligen KZ-Insassen und Zwangsarbeitern befindet, die von der amerikanischen Ordnungsmacht nicht behelligt werden. Um den Stachus herum bieten sich hunderte von Frauen offen auf der Straße an, der Bahnhof ist Sammelplatz streunender Jugendlicher und elternloser Kinder aus allen Teilen Deutschlands, die es an die Fleischtöpfe der amerikanischen Besatzungszone zieht. Inmitten der brandgeschwärzten Mauern schlagen sich die Überrreste des einstigen „Herrenvolkes” irgendwie durch – mit legalen wie mit illegalen Mitteln. Zugleich haben die Besatzer ein neues Lebensgefühl aus ihrem Heimatland mitgebracht: Jazz, Hollywoodfilme, große Autos, lässige Manieren ebenso wie Drogen. Wer sich mit den ehemaligen Feinden arrangieren kann, dem geht es gar nicht schlecht, denn auf dem Schwarzmarkt bekommt man immer noch alles, was zu einem angenehmen Leben erforderlich ist. Auf der anderen Seite suchen einsame Idealisten in den Behörden der Militärregierung entgegen des inzwischen von der US-Regierung in Washington eingeschlagenen Kurses weiterhin hartnäckig nach Nazi-Kriegsverbrechern. Gott, der Herr
Dank seiner Englischkenntnisse arbeitet Fritz Lehmann zwei Jahre nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft als Verbindungsbeamter zur amerikanischen Militärpolizei, hat aber bereits einen Posten bei der Mordkommission in Aussicht – nachdem die alten Parteigenossen bei der Kripo von den Amerikanern herausgeworfen wurden, besteht verstärkt Bedarf an Beamten mit Polizeierfahrung und politisch sauberer Weste. Während einer Bereitschaft gerät er eher zufällig an den Fall Irina Stepaschkin, den er dann zusammen mit einem der einheimischen Kollegen, der nicht im Krieg war und nichts von den „preußischen Zug'roasten“ hält, bearbeiten muss. Besonders glücklich ist der ehemalige Ordnungspolizist über diesen Zufall nicht: Je weiter er der Spur folgt, die ihn zum Mörder der toten Estin bringt, desto tiefer ziehen ihn die Ermittlungen in die eigene Vergangenheit zurück. Die Spur führt ins Millieu der jüdischen Displaced Persons in den Lagern von München-Freimann und Landsberg, zum Schwarzmarkt mit seinen Schieberbanden und Drogenringen, zu einer Generalswitwe, die ihre Wohnung zum Bordell gemacht hat, zu einem deutschen Medizinprofessor, der im Krieg „irgendwo in Polen” gewesen sein soll, zu einem Schreibwarenhändler, der zur selben Zeit einen Textilbetrieb in Krakau geleitet hat, zu alten SS-Leuten, die zu neuen CIA-Agenten geworden sind. Lehmann wird wieder mit dem Transport konfrontiert, den er 1941 von Berlin in das Ghetto von Kaunas in Litauen begleitet hat, denn von dort kommen die beiden Hauptverdächtigen, zwei Brüder, die im Münchner Süden eine Süßwarenfabrik betreiben. Er muss mit Juden reden – er, der straflos gebliebene Judenmörder. Die sexuellen Aussschweifungen der Toten halten ihm drastisch vor Augen, was aus seinem eigenen Sexualleben geworden ist, denn seit dem Tag im August in Wolhynien hat er mit keiner Frau mehr geschlafen, ist impotent. Die Beziehung zu einer in den Fall verwickelten norwegischen Malerin befreit ihn zunächst von dieser Last, lässt ihn aber gleichzeitig erneut in seine eigenen Abgründe blicken.
Zur selben Zeit hat ein junger Captain von der Kriegssverbrecherstelle der örtlichen Militärregierung eine Untersuchung über die Kriegsvergangenheit der heutigen Angehörigen der bayerischen Polizei initiiert. Lehmann bekommt es mit der Angst zu tun: Wer außer ihm weiß noch von dem, was 1942 in der Kaserne von Sarny passiert ist, gibt es irgendwo in Berlin noch Akten? Seine neue Karriere als Kriminalpolizist könnte ebenso schnell beendet sein, wie sie begonnen hat. Bei all dem ahnt Lehmann, dass die
grausamen Verstümmelungen der Toten einen Sinn ergeben, und dass
dieser Sinn gleichzeitig einen Schlüssel zum Verhalten der
deutschen Ordnungspolizisten im Krieg darstellt. Er muss sich seiner
Vergangenheit stellen, muss in die dunklen Bereiche seiner Seele
vordringen, in denen die Schrecken des Krieges, Schuld, Scham und
quälende Erinnerungen, aber auch die Lust an der Unterwerfung
anderer verborgen sind, muss sich darüber klar werden, was es
für ihn selbst – ebenso wie für den Mörder
Irina Stepaschkins – bedeutet hat, gottgleiche Macht über
Leben und Tod ausüben zu können ...
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