Wolfsstadt


(Auszug aus dem ersten Kapitel)

wolf




(Die beiden Polizeibeamten Lehmann und Hölzl haben am Abend des 29. April 1948 Bereitschaftsdienst und werden zu einem Leichenfundort vor der Toren der Stadt gerufen.)







Gegen sieben kommen sie endlich an den Kreisverkehr in Obermenzing, wo die Reichsautobahn anfängt. Jetzt dirigiert Hölzl. Erst müssen sie ein Stück die Autobahn hinaus, jetzt drücken S’ schon auf’s Gas, Herr Kollege, an dene Amerikaner vorbei, und ja doch, das geht gut ...! – Der Gauleiter hat immer noch so seine hundertfuffzig Pferdestärken unter der Haube, die wußten damals eben, was gut war, echte deutsche Wertarbeit, hundertfuffzig schafft er auch kilometermäßig noch, da könnense gucken, die Herren aus USA, als sie an den Air Force-Trucks vorbeirauschen. – Überholspur und Gas geben, da fliegt die alte Dame Horch nur so dahin, kein Schiff mehr und keine Gutsbesitzerswitwe, eher schon eine Messerschmidt mit Lilian Harvey am Steuer! ... Aber dann, gerade als es so richtig Spaß macht, muß Lehmann schon wieder langsamer machen, um nicht am Ziel der Reise vorbeizuschießen. Rechts voraus taucht ein kleiner Damm auf, den man am Rande der Autobahn aus Kies und Erde aufgeschüttet hat, und das kann noch nicht allzu lange her sein, denn noch hat kein Grashalm oder Strauch Zeit gefunden, darauf Wurzeln zu schlagen.

Da rauf?

Hölzl und Gräf sehen sich kurz fragend an – der Giesinger an sich kennt sich hier draußen also auch nicht aus –, nicken dann aber. Lehmann bremst also und fährt langsam den Straßenrand ab, bis er eine Stelle gefunden hat, die ein bißchen stabiler aussieht und auch flacher ist; dort steuert er den Gauleiter dann vorsichtig die Dammkrone hinauf und hält oben an: Da liegt ein Baggersee vor ihnen, der sich etwa einen Kilometer lang und einen halben breit hinter dem Damm an der Autobahn entlang erstreckt. Linker Hand sind Bagger, Bauwägen und Lkws auszumachen, wahrscheinlich wird dort noch Kies gefördert, rechts ab liegen ein paar flache Holzbaracken, vor denen Wäscheleinen flattern und in Lumpen gehüllte Kinder spielen, und auf halbem Weg zwischen den Baumaschinen und dem Lager, am Nordostufer des Sees, stehen zwei blau uniformierte Wachtmeister der Stadtpolizei neben ihren Fahrrädern und halten einen Haufen ebenso zerlumpter Erwachsener davon ab, sich an das dort steil abfallende Seeufer zu drängen.

Einer der Uniformierten, Schandi sagen die hier unten, winkt ihnen zu, und Lehmann fährt wieder an und den Damm ebenso vorsichtig herunter wie er hochgekommen ist. Jetzt wäre natürlich ein Jeep das richtige, die Amis haben ja auch so ihre Stärken, zwokommazwo Liter 60 PS Allrad von Willys-Overland in Toledo/Ohio, schon ein anderes Kaliber als zum Beispiel so ein VW Kübel, der eigentlich KdF-Wagen hätte werden sollen und dann im russischen Schlamm steckengeblieben ist, und am Ende ging dann nur noch der Rückwärtsgang ... Bis zum Seeufer sind es noch gut hundert Meter, die im Kriechtempo zurückgelegt werden müssen, weil der Gauleiter ins Schwanken und Rutschen gerät, jetzt fährt er sich wieder wie ein Schiff, aber wie eines auf hoher See im Sturm ... Schließlich sind sie aber glücklich angekommen und steigen aus. Der winkende Schandi kommt ihnen gleich entgegen, baut sich vor Hölzl auf und macht Männchen, bestimmt auch ein alter OrPo-Mann, so einer riecht den kommandierenden Offizier auf hundert Meter gegen den Wind ...

Sicherheitsinspektor Grasmeier vom Z 31 Aubing, da hinten liegt s’!

Er zeigt auf das Seeufer, wo sein Kollege steht; dieser wiederum zeigt nach unten. Man sieht aber gar nichts, weil es hinter der Bruchkante aus Kies und Erde zwei, drei Meter steil nach unten geht, und irgendwo am Fuß dieses Abhangs muß wohl die Leiche liegen.

Hölzl nickt in Richtung der Gaffer.

Und wo san die her?

Grasmeier zeigt auf die Baracken und salutiert nochmal – Dämlack, is doch Demokratie jetzt, mußte nich mehr immerzu Männchen bauen ...

Des is des Barackenlager von derer Baufirma, die da am See ihren Bauhof hat, Mattuschek und Grandler, von dene ihre Arbeiter hat s’ oaner g’funden. Und den Rest von derer Belegschaft, den sehen S’ da stehen!

Lehmann hat schon in die gierigen Gesichter gesehen, und es hat ihn geschüttelt: Da haben die Leute nun alles gesehen, Leichen auf dem Vormarsch, Leichen im Schützengraben, Leichen auf dem Rückzug, Leichen in den Bombentrümmern zu Hause, Leichen im Lazarett, am Ende, was man so hört, Leichen in jedem Straßengraben, Männlein, Weiblein, Kindlein, egal von welcher Nation und von welcher Rasse, aber wenn dann mal so eine einzelne Leiche in der Nachbarschaft liegt – wer will nochmal, wer hat noch nich, immer hereinspaziert ...!

Hölzl brummelt sich was in den Bart und geht voraus ans Ufer, Lehmann und Gräf immer im Schlepptau. Schmale, unrasierte Gesichter haben die Männer, die dünnen Arme vor dem bißchen Leib verschränkt, dabei kriegen sie Schwerarbeiterzulage, wenn sie auf dem Bau arbeiten; das zugehörige Weibszeug sieht auch nicht viel besser aus, da hängt alles bloß noch ... Strandgut sagt man wohl zu sowas, aber Lehmann ist auch Strandgut, bloß daß er noch den guten Doktor Salkind hat mit seinen Freßpaketen aus der Möhlstraße, und passieren muß auch mal bald mal was, sonst gehen sie sich noch alle gegenseitig an die Gurgel ...

Oben an der Kante bleiben die Polizisten stehen. Man sieht auch von hier aus nicht gleich, um was es geht, weil unten lauter Schutt herumliegt, morsche Bretter, welkes Laub vom letzten Herbst, Blechdosen, so eine Art schwarze Schlacke – vielleicht Asche von den Öfen in den Baracken –, große Steine, Kies, Zweige, hier laden wohl die Leute aus dem Lager ihren Abfall ab, auch die Baufirma, und die Natur tut dann das ihrige dazu. Einen dritten Schandi vom Aubinger Revier gibt es dann noch, der zeigt mit seinem Finger auf etwas, das man in dem ganzen Wirrwarr schließlich doch noch entdeckt, so ein Bündel, so was in Leinensack eingeschnürtes, eingesacktes, etwa einen Meter lang und einen halben breit, oben ist das Bündel auf, und man sieht es rötlich oder gelblich hochschimmern, oder auch grünlich oder weißlich; heute ist es bewölkt, außerdem dämmert es schon langsam, da kann man die Farben nicht mehr so gut erkennen.

Sie schauen eine Weile, dann zieht Hölzl eine Schnute, wie man hier unten eher nicht sagt, und dreht sich um.

Ja mei, dann werd i mal den Finder verhören und ihr zwei schaugts mir nach unten, gell? Herr Lehmann, Sie helfen dem Kollegen a bisserl?

Lehmann nickt, sindwa wohl empfindlich, gell, Herr Kollege, den Hintern den Krieg über immer schön kohlenwarm an den Bolleröfen von Giesing gehabt, gell, Herr Kollege, und steigt mit Gräf das Ufer hinunter, oder besser, rutscht so halb, weil das alles ja nur ein Kiesabbruch ist, von nichts zusammengehalten und ohne festen Boden darunter. Von oben hört man noch Hölzl einen der Wachtmeister ins Revier schicken, alle verfügbaren Kräfte aus Pasing hierher, um das Ufer abzugehen, bald wird’s dunkel, dann sind sie mit dem Bündel und dem dritten Schandi allein.

Lehmann wartet ab und weiß nicht, was er tun soll. Zuerst muß er aber gar nichts tun, denn Gräf packt seine große, alte Agfa aus, die sicher auch schon bessere Zeiten photographiert hat, und macht ein paar Aufnahmen vom See und von dem Bündel vor ihnen. Das Frühjahr ist eigentlich zu warm gewesen, und auch der Winter nicht so schlimm wie der vorige, bei dem man Angst haben mußte, daß die Wölfe zurückkommen würden; sogar dieses Jahr hat es einen gegeben, oben an der Weser in Norddeutschland, hat in der Zeitung gestanden, der muss einen langen Weg gekommen sein von dem großen, weiten Gräberfeld namens Russland bis hierher ... in den letzten Tagen hat sich das Wetter aber ins Gegenteil verkehrt, kalt und regnerisch ist es und windig, hoffentlich zieht sich das nicht bis in den Mai hinein, und hier draußen ist die Landschaft wie abgefräst, kein Busch, kein Baum, der ein bißchen Schutz geboten hätte. – Von nahem sieht man, daß da etwas ganz besonderes in den schmutzigen Leinensackfetzen drinstecken muß, einer davon ist noch fast ein ganzer Sack, wie zum Katzenersäufen, der hat eine Aufschrift, von der man aber nur US Army lesen kann, aber was da drinsteckt, das ist keine Katze, denn Katzen sind nicht so groß und auch anders geformt, und weil sie vor allem ein Fell haben, gibt es nichts an ihnen, das aussieht wie ein Stück Menschenhaut.

Der Schandi sagt erst nichts, aber Lehmann nickt mal so auf Unteroffiziersart, wie er das bei der Ordnungspolizei des Deutschen Reiches gelernt hat, und kriegt ihn damit auch gleich zum Reden: Einer der Bauarbeiter habe das Bündel unter einem morschen Brett gefunden und einen Riß im Sack aus Neugier weiter aufgemacht, dann will er aber gleich zum Lagerleiter hoch sein, und dieser habe schließlich im Revier Alarm geschlagen. Was für einen Eindruck hat der denn gemacht, will Lehmann weiterfragen, aber Gräf ist jetzt fertig mit den Photos, nimmt ein Skalpell aus seinem Instrumentenkoffer, bitte Schwester, aber gerne, Herr Doktor, und macht sich daran, den Riß ganz aufzusäbeln, da sagt Lehmann nichts weiter und faßt sich schnell an den Hut, als ob er ihn abnehmen will, läßt die Hand dann aber doch wieder fallen, weil das ja ein Unsinn ist, wo das doch schon in einem derartigen Zustand ist, was man da so halbwegs sehen kann. Und schließlich beugt er sich herunter und geht Gräf zur Hand und hilft ihm a bisserl und zieht die Leinensackfetzen, die oben gar nicht naß sind, mit zur Seite. Mehr und mehr Menschenhaut kommt zum Vorschein, leicht gebräunt an der Stelle, wo der Riß in dem großen Sack gewesen ist, so eine Art kleine Huckel, wohl die Wirbel von einem Rückgrat, das ist also der Rücken von einem, der mal einer gewesen ist, oder auch eine, bloß wenn man sich vorstellt, wie denn der Rücken da weitergehen soll, da fehlt was, oben wie unten, und als sie die Fetzen endlich ganz weggezogen haben und alles offen daliegt, da sieht man dann, daß die Beine fehlen, und der Kopf noch dazu.

Jetzt nimmt Lehmann den Hut doch ab, setzt ihn aber gleich wieder auf und schiebt ihn in den Nacken wie das Richard Widmark im Kino zu tun pflegt; Beine und Kopf fehlen also, die hat jemand einfach weggeschnitten wie Mutter Lehmann beim Gänseschlachten, bloß nicht so ruck-zuck-weg-damit sondern, jedenfalls auf den ersten Blick, fein säuberlich und genau da, wo man es machen muß, am Hals über dem Kehlkopf und an der Hüfte bei den Gelenkschalen, auch das kennt Lehmann von zu Hause, vom Hausschlachter auf dem Vorwerk, wenn der ein Schwein beim Wickel hatte; da hat sich jedenfalls einer gut ausgekannt, das kann man sagen ... Links unten gucken die Arme raus, auch komisch, die Hände sind nämlich noch dran, lang und schmal sind die, wie bei jemandem, der Klavier spielt oder Chirurg ist, und außerdem gefesselt mit einem dünnen Seil, von der Art, die man zum Anbinden von Vieh nehmen könnte, sowas hat in Mahlow in jedem Stall gehangen, und da begreift Lehmann, warum die Leute so gaffen müssen, die ahnen wohl was, weil ja ein Erschossener im Schützengraben auch nichts aufregendes mehr ist nach dem zehnten Mal und geplatzte Gedärme im Sperrfeuer geplatzte Gedärme sind und verkohlte Leichen nach dem Fliegerangriff verkohlte Leichen, Krieg eben. Aber das hier, das macht einem Angst.

Gräf gibt ihm ein Paar Ersatzhandschuhe aus dem Koffer, und gemeinsam heben sie den Torso an und legen ihn seitlich wieder ab. Als Unterlage kommt dabei ein zweiter Leinensack zum Vorschein, Reste nur noch, zerrissen und schwarz vor Kohlenstaub, außerdem ein Stück Plane, von einem Zelt oder in der Art, ein paar Windungen Draht und ein langes Stück Isolierband, mit denen das ganze zusammengehalten worden ist – mal schnell so eben und weg damit ... Komisch, mit dem Abtrennen kennt derjenige welcher sich aus und nimmt sich Zeit, aber mit dem Wegmachen, da hat er es dann eilig oder keine Ahnung ... Gräf nimmt einen dünnen Ast und stochert damit im Schutt und in dem welken Laub und der Asche herum, findet aber nichts weiter von Bedeutung.

Schließlich zuckt der Erkennungsdienstler mit den Achseln, nickt Lehmann und dem Schandi zu, und dann bringen sie alle zusammen den Leichenrest vorsichtig über den abrutschenden Kies nach oben, was gleich wieder die Gaffer in Unruhe bringt, aber Hölzl steht schon bereit und macht jetzt wirklich den Kommandierenden, paßt’s mal a bisserl auf da ...! Die Schandis spuren und halten die Arbeiter in Schach, damit sie nicht aufdringlich werden und sich auf die Fundsache stürzen, die aber so geschickt zwischen dem Gauleiter und der Uferkante auf den Boden gelegt wird, daß sie vor neugierigen Blicken vorerst verborgen bleibt, bloß Hölzl und Lehmann und Gräfs Agfa dürfen neugierig sein, denn jetzt liegt das auf dem Rücken, was einmal etwas gewesen ist, und man kann neue Entdeckungen machen, mit den Augen und mit dem Photoapparat. Lehmanns Hand geht wieder an den Hut, dieses Mal nimmt er ihn ganz ab und behält ihn unten: Die Vorderseite muß einige Zeit im Wasser gelegen haben, ist tatsächlich schon ganz aufgequollen, genau wie er sich das vorhin gedacht hat, und blaß weiß wie von einem Stück Hinterschinken nach ein paar Wochen im Salzstein, aber man kann doch den feinen Strich zwischen den Beinstümpfen sehen, um den herum sich dünnes Haar kräuselt, und auch etwas wie zwei flache Beutel über dem Brustkorb – das ist eine Frau gewesen, die da liegt, eine junge Frau wohl. Ihre Arme ragen starr nach oben, in der Leichenstarre eingefroren, und man kann die Fesseln jetzt besser sehen, einfacher Schlag mit Schleife, als hätte sich jemand die Schuhe zugebunden, vom Land ist der nicht gekommen und von der christlichen Seefahrt auch nicht, da würde man mit einem derartigen Knoten ausgelacht werden, und dumm ist es noch dazu, denn die Hände sind ja noch ganz, da kann Gräf Abdrücke nehmen und ins Zentralregister gehen ... Die Finger haben sich verkrampft, im Todeskampf, sagt man in einem solchen Fall; wie die wohl ausgesehen hat, sieht man ja nicht mehr, weil der Kopf fehlt, ganz junges Mädchen sicher, bestimmt noch keine Kinder gehabt, schmale Hüften, kleiner Busen, fett war sie auch nicht, aber fett ist ja keiner heutzutage, es sei denn, er macht in Schiebung und kann fressen was er will ... Lehmann nimmt sich zusammen: der Reihe nach vorgehen und Konzentration, so hat es ihm der olle Jastrow beigebracht, den Sommer 39 in Stettin, als er wirklich angefangen hat, wie Polente zu denken und nicht wie ein Bauernlümmel, der Karnickel jagt, sich in den oder die Täter hineinversetzen und auch in die Opfer, sich sozusagen reinträumen in das, was passiert sein könnte, Methode Jastrow nennt er das bei sich. Ob sie schon Männer gehabt hat, viele Männer, den einen einzigen? Vielleicht wäre er ja der eine einzige gewesen und sie die Frau, auf die er seit sechs Jahren wartet, denn die Kollegen können sich ja denken, was sie wollen, die Wahrheit ist, daß er seit sechs Jahren keine gehabt hat, wundern würden die sich, seit sechs Jahren, seit Wolhynien, seit den Sümpfen am Pripjetfluß, seit dem Wald von Sarny, an den er nicht mehr denken will, weil es da auch etwas gegeben hat, das ihm Angst macht, immer noch ... nicht daß er es nicht versucht hätte, Gelegenheit wäre schon gewesen, mehr als genug, aber es geht nicht mehr; wenn er rein soll, wird ihm das Ding wieder weich, geht nur noch, wenn er es sich selber macht, kann man sich aber auch dran gewöhnen ... und alles nur, weil er kein Bauer werden wollte wie sein Vater und sein Großvater und sein Urgroßvater und sonstwer vor ihm, aber dann kam der Krieg, und es sind Dinge geschehen, die man zu Hause niemandem erzählen kann.

Herr Kollege, san S’ so guat ...!

Lehmann fährt hoch und sieht einen Moment lang Hölzl direkt an, und der erschreckt daraufhin regelrecht und guckt wieder weg, vielleicht hat er in Lehmanns Augen ein Stück Erinnerung an Pripjetfluß und Wald von Sarny gesehen ... Der Kollege läßt sich aber nichts weiter anmerken und nickt bloß in Richtung eines Arbeiters, der abgesondert von den anderen steht und besonders lange Stielaugen macht, wer will nochmal, wer hat noch nich ...

Des is ... äh, der Herr Frank, der s’ gfunden hat. Wann S’ bittschön die Aussagn no amal aufnehmen kannten. I hob mei Notizbuch net dabei, und des is a Preiß, den verstehen S’ eh besser als i.

Soooo, Notizbuch vergessen ... Und dann dieser schmierige Münchner Dialekt, immer bittschön und gell, ist ja trotzdem ein Befehl, da ist einem die alte Zackigkeit doch lieber: Jawoll Herr Hauptmann, aber immer, Herr Oberleutnant, Vorgesetzter ist eben Vorgesetzter und Befehl ist Befehl ... Lehmann nickt aber bloß, nach groß Reden ist ihm sowieso nicht zumute, dann zieht er sein Merkheft aus der Tasche und geht zu dem Arbeiter; Hölzl steigt in der Zwischenzeit zusammen mit Gräf ans Seeufer hinunter.

Besagter Herr Frank ist unter den dürren Heringen ein besonders dürrer mit einer alten Feldmütze auf dem anscheinend kahlrasierten Kopf – die Laus ist der natürliche Feind des Menschen – und einer alten Uniformjacke über die abfallenden Schultern gehängt; man kann noch sehen, wo früher die Rangabzeichen aufgenäht waren. Ist wohl nur kurz in Gefangenschaft gewesen, oder nicht bei den Amis, die gaben einem ja was neues zum Anziehen, mit „PW” hinten drauf, für Prisoner of War, und wie der wohl auf den Bau gekommen ist bei der Statur ... was besonderes ist er aber auch nicht, Strandgut eben, zugeworfen, davon finden sich ganze Armeen an den Rändern der Stadt.

Sie haben die Leiche gefunden?

Franks Gesicht geht auf wie die Frühlingssonne, und er streckt Lehmann gleich die Hand entgegen.

Frank, ja. Na, Mensch, sie sind aber ooch keen Bayer, wa?

Lehmann nimmt die Hand und drückt sie kurz. Sie ist schmutzig, eine Bauern- und Arbeiterhand.

Nee, Hinterpommern. Lehmann. Und wo sind Sie her?

Schwerin, aber nich det in Mecklenburg, sondern det in Groß-Posen-Westpreußen, wa. War Schweizer jewesen aufen Jutshof, wissense, na ja, denn natürlich ab in Kriech. Hatte det Jlück, det ick Ordonnanz war und am Schluß hier in Bad Reichenhall beim OKW, da hammwa uns denn von den Herren mit der anderen Feldpostnummer eben mal überrollen lassen, wa. Und nu bin ick hier und fahr Lkw, wat soll man machen.

Lehmann stellt sich vor, daß von dem Dreck an der Hand etwas an ihm hängengeblieben ist, und wünscht sich ein Stück Seife und ein Waschbecken ... und überhaupt, Westpreußen, das hat ja schon damals halb in Polen gelegen.

Na ja, jetzt erzählense mir das aber nochmal mit der Leiche ...

Frank nimmt seine Mütze ab und kratzt sich am Kopf: tatsächlich, ganz kahl. Lehmann fühlt beinahe etwas über den Handrücken kribbeln.

Tja, wie soll ick mir da ausdrücken ...? Det fing damit an, diss meine Frau – er zeigt dabei auf eins von den hohläugigen Weibern hinten in der Menge der Gaffer; sie trägt eine zerrissene Küchenschürze und ein Kind auf dem Arm – rumjemault hat wegen Feuerholz, wissense. Is ja nochmal ordentlich kalt jeworden, und die Kleene friert und so weiter und –

Die Asche da unten am Ufer, kommt die vom Lager?

Na klar, wa. Da wird ooch immer Bauschutt abjeladen, deswegen bin ick da ja hin.

Haben Sie selbst diesen Bauschutt abgeladen, mit Ihrem Lkw?

Lehmann bemüht sich, Hochdeutsch zu reden. In Pommern hat man auch immer abjeladen gesagt und rumjemault, jedenfalls die Alten, die noch Pommernplatt geredet haben, und wenn er auch in letzter Zeit oft an die Sprüche vom Lehrhof denken muß, braucht ja nicht gleich jeder zu wissen, daß er zwischen Misthaufen und Gänsewiese großgeworden ist.

Nee, ick fahr immer Kies Richtung Allach, wissense. Dahin, wo die Schienen neu jelegt werden. Har Ick aber Ihrem Kollegen schon allet anjejeben ...

Die Frühlingssonne in Franks Gesicht hat sich ein bißchen verzogen, vielleicht merkt er ja, wenn man ihn nicht leiden kann ... Lehmann nimmt sich also wieder zusammen und redet ein bißchen mehr in Richtung Berlinerisch, was er sich beim Dienst 41/42 in der Reichshauptstadt angewöhnt hat. Immer schön aufpassen und den richtigen Ton treffen, das gehört auch zur Methode Jastrow.

Sicher, sicher, is ja auch bloß für’s Protokoll. Sie wissen ja, wie det ist ... Erzählense mal weiter!

Ach so, na ja, wo war ick stehenjeblieben? Ach so, ick also zum See, und da seh ick ooch schon det Brett und denk mir, Mensch Meier, da musste ja nich lange mehr kieken, det reicht mal fürs erste, det war nämlich en großet Brett, wa?

Lehmann denkt sich: hab ich da gerade unten ein großes Brett gesehen? Er nickt aber bloß kurz, erstmal weiter im Text.

Na ja, ick wollte det Ihrm Kollejen nich so deutlich sagen, ick weeß ooch nich, ob det ins Protokoll muß, jedenfalls so unbedingt ...

Lehmann nickt bloß wieder leicht. Frank kommt ein Stück näher und wird vertraulich.

Wissense, ick hab ja nüscht jegen die hier, aber ... man is eben nich bei sich zu Hause, wa?

Allerdings ...!

Lehmann will sich schnell die Hand vor den Mund halten, aber da ist ihm der Brustton der Überzeugung schon herausgerutscht, und dann so einem gegenüber ... Andererseits hat er damit, ohne es zu wollen, genau das Richtige getan, denn schon scheint die Frühlingssonne in Franks Gesicht wieder hell und freundlich.

Na, sehense, Sie ooch! Also, ick runter und heb det Brett hoch, und denn seh ick ooch schon den Sack und allet, und da hattet so rosa rausjeschimmert, und ... na ja, wissense, oft wird ja wat wechjeschmissen, wenn die Bauern hier mal n Schwein ... so nich uff Marken, wissense, is ja illejal, aber jemacht wird et doch. Und da har ick natürlich fix jedacht, Mensch, det wär wat, det wär vielleicht wat, wa ...? So’n schöner Sonntagsbraten, wie früher, von den Marken wernwa ja nich satt, det wissense ja ooch, det wär schon wat jewesen, ob verboten oder nich ...

Schon gut, schon gut, det kommt nich mit ins Protokoll ...

Ja, danke auch schön, wa. Ick also det Messer raus, har ick immer bei ... – Frank holt haste-nich-gesehen einen alten SS-Dolch, Blut und Ehre, aus der Hosentasche, zeigt ihn Lehmann und steckt ihn gleich wieder weg, das Hakenkreuz auf dem Griff hat man aber doch sehen können – ... Andenken an mein Hauptsturmbannführer, darf bloß keener wissen, wa? Also, ick den Sack damit uffjemacht, bloß son bißken, wa, und denn seh ick schon, det is keen Schwein. Det is ooch sonst nüscht ze essen, det is wat janz schrecklichet. Na, und denn bin ick eben jerannt, wa.

Ordonnanz? Hauptsturmbannführer? Aufgepaßt, für sowas interessieren sich die Amis ... – Aber erst mal Konzentration auf die Leiche, Methode Jastrow nicht vergessen.

Und dann haben sie die Polizei alarmiert?

Nee, det war doch Rusniak, der Leiter von dem Lager, wa. Ick hätte ja ooch jar nich jewußt, wo anrufen und so.

Und in dem Lager wohnen lauter Bauarbeiter?

Und unsere Familien, wa. Allet Vertriebene, Sudeten, Schlesier, Ostpreußen, Westpreußen, wat se wollen. Bloß Pommern ham wa keene, jloob ick zumindest. Früher muß det für die Ostarbeiter jewesen sein, von der Baufirma, wennse wissen wat ick meene. Aber die sind ja nu alle weg.

Allein, wie der „Ostarbeiter” sagt ... Ist wohl mal auf Heimaturlaub gewesen und hat die Polacken und Russen auf seinem Gut herumkommandieren dürfen. In Mahlow gab es auch welche, anfangs allerdings mehr Franzosen, und alle immer korrekt behandelt, jedenfalls haben sie das zu Hause so erzählt, wenn er auf Heimaturlaub gekommen ist.

Und Sie ... vermissen hier niemanden?

Schlagartig verschwindet die Frühjahrssonne wieder hinter dunklen Gewitterwolken.

Vermissen? Nee, wat jloobense denn wohl, det unsereens, also nee, wo wa nich mal wat zum Futtern haben, det unsereens sich jejenseitig umbringt und denn innen See vor der Haustür versenkt? Nee, wissense, also nee ...! Und den uff die Art, wa! Da is man doch gar nich fähig zu als normaler Mensch!

Lehmann zuckt nur mit den Schultern, was weiß der schon, wozu man fähig ist als normaler Mensch, mit seinem Hauptsturmbannführer beim Oberkommando der Wehrmacht ... – Er überlegt, ob noch was zu fragen ist, was hätte der olle Jastrow gemacht, aber Jastrow liegt seit Sommer 43 im Soldatengrab in den Sümpfen am Pripjetfluß und fault vor sich hin und sagt nüscht mehr, und an und für sich fällt ihm auch nichts mehr ein. Er läßt sich also Franks Kennkarte zeigen und nimmt die Personalien auf, halten Sie sich zu unserer Verfügung, und so weiter und so fort.

Inzwischen sind die restlichen Schandis vom Aubinger Revier eingetroffen und suchen das gesamte Seeufer ab, außerdem kommen Hölzl und Gräf mit den Beweisstücken wieder nach oben und breiten sie neben der Leiche aus: den Leinensack, jetzt kann man die ganze Aufschrift lesen – US Army Vegetable Sack, Return When Empty –, den zweiten Sack, oder besser gesagt, Reste davon, bloß noch kohlegeschwärzte Fetzen, die verdrehten und verklebten Reste Isolierband und das Drahtstück; weiter haben sie nichts gefunden. Hölzl macht die Handfessel los und legt das Seil neben die anderen Sachen auf den Boden, Gräf photographiert nochmal alles.

Na, det se die ooch noch fesseln mußten ...

Lehmann klappt das Merkheft zu und läßt seinen Gehirnkasten anrattern. Da hat der Mann mit seinem Landarbeiter-Preußisch recht, das paßt nicht, überhaupt nicht. Wenn man jemanden so bewegungsunfähig hat, daß man ihn sorgfältig und der Reihe nach zerstückeln kann, ist er entweder schon tot oder völlig bewußtlos, sonst würde er sich doch sicher wehren ... – Er schickt Frank weg und schaut sich das nochmal genauer an: Jetzt kann man ja auch die Hände untersuchen,– jedes Schwein, das man mit so einem Strick fesselt und ins Schlachthaus treibt, hat Striemen an den Stellen, wo der Strick gescheuert hat, denn kein Schwein läßt sich einfach so wehrlos abschlachten, das schreit und quiekt zum Gotterbarmen und zerrt an dem Strick um seinen Hals, aber hier gibt es fast gar nichts, keine Hautabschürfungen, keine Druckstellen, bloß ein kleiner Eindruck, der aber wohl daher rührt, daß die Fesseln länger angelegt waren. Eine völlig Bewußtlose oder bereits Tote andererseits muß man eigentlich nicht mehr festbinden, um sie am Weglaufen zu hindern. Nochmal andererseits: Die haben sich schließlich damals auch nicht gewehrt, jedenfalls bis auf Wolhynien und vor allem bis auf das eine Mal im Wald von Sarny. Und die sind noch nicht mal gefesselt gewesen.

Plötzlich ruft jemand laut, und Lehmann schaut hoch: In etwa hundert Meter Entfernung steht einer von den Schandis am Ufer und zeigt auf etwas, das vor ihm auf dem Boden liegt, wegen der einsetzenden Dunkelheit kann man aber nicht genau erkennen, worum es sich handelt.

Herr Lehmann? Holen S’ doch bittschön die Handlamp’n aus’m Gauleiter!

Sicher doch, sicher doch ... Frank ist noch auf halbem Weg zurück zu seiner Frau und macht gleich Anstalten, daß er auch mit will, aber Lehmann guckt ihn nur kurz mal eben auf seine Unteroffiziersart an, daß gleich pariert und stehengeblieben wird. Da hat man mal fürs Leben gelernt bei der OrPo ...

Gehts a bisserl schneller, bittschön?

Lehmann fällt in den Laufschritt, schnappt sich den alten Wehrmachtsleuchter aus der Gerätetasche im Wagenheck und rennt zu der Stelle am Ufer, wo Hölzl und Gräf schon bei dem Schandi stehen und warten. – Was man im Krieg und bei der OrPo auch fürs Leben gelernt hat: Es gibt immer einen, der ein Stück weiter oben auf dem Misthaufen steht und krähen darf, und wer weiter unten sein Geschäft verrichtet, der muß spuren ...

Im Laufen schon schaltet er die Handlampe ein, und der Lichtkegel fliegt vor ihm her, bis er bei den drei Kollegen ankommt. Hier liegt kein Schutt herum, auch keine Aschenreste und keine Abfälle, nur runde Kiesel und Sand und ein paar feuchte, welke Blätter und einzelne Zweige und dann noch etwas, das aussieht wie ein Stück Fleisch.

Hölzl und Gräf, der Toni, der Robert, und ganz blass alle beide und alle beide nicht im Krieg gewesen, sondern mit kohlewarmen Hintern an den Bolleröfen von Giesing, sehen sich an. Dann nimmt Gräf, der immer noch Handschuhe trägt, das Stück vom Boden auf und hält es ins Licht von Lehmanns Handlampe: ja, ein Stück Fleisch, genauer gesagt, ein Stück von einem Bein, Wade und Schienbein vielleicht, von der Form und den beiden Knochen her, die man sehen kann, genaueres ist aber schwer zu sagen bei den paar Zentimetern Länge. Und hier hat sich derjenige welcher auch nicht so viel Mühe gegeben wie beim Hals und bei den Hüftgelenken, die Schnittstellen sind gar keine, sondern eher mit dem Beil zugehauen worden, wie beim Schlachter, wenn der das Schwein von oben nach unten in zwei Hälften zerteilt, jedenfalls fasert das Fleisch an den Rändern aus, und die beiden Knochen sind an den Enden zersplittert, ein stumpfes Beil also, oder man hat keine Zeit gehabt – muß man aber andererseits doch gehabt haben, denn was seltsam ist an dem Stück Wade und Schienbein, was einen auch ganz unsicher macht, ob das alles zu einem Bein gehört oder überhaupt zu einem Menschenleib, das ist, daß da jemand sauber und ordentlich vom Fleisch die Haut abgezogen hat.



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(Auszug aus dem fünften Kapitel)

ruinen




(Lehmann und Hölzl finden heraus, dass es sich bei der Toten um ein estnisches Flüchtlingsmädchen handelt, eine "Displaced Person", die trank und sich von Männern aushalten ließ. Einer dieser Männer ist Abraham Katz, der jüdische Überlebende eines Konzentrationslagers in Litauen.)







Als Lehmann um die Ecke von der Neuhauser angesegelt kommt, steigt gerade ein böse dreinblickender Mann um die vierzig aus einem Dienst-Mercedes mit drei Schandis drin, und zwei von denen steigen mit aus und führen ihn zum Haupteingang des Präsidiums. Erst mal gucken, denkt sich Lehmann und geht langsamer, Konzentration, Methode Jastrow: dunkler, gut geschnittener Zweireiher, gepunktete Krawatte und heller Filzhut, so ein bißchen schräg auf den Kopf gesetzt, gute Schuhe, für sowas hat Lehmann ein Auge, schon wegen Onkel Hermanns Grillen im Kopf mit seiner Schuhflickerei zu Hause in Mahlow, solche fehlen ihm jedenfalls auch noch zum seinem hellgrauen Nadelstreif, und schlank ist der Kerl nicht gerade, eher gut im Futter, von wegen 300 Gramm Fleisch im Monat ... breites dunkles Gesicht mit dunklen Augen drin, Haare straff nach hinten gekämmt, alles in allem fast so wie Orson Welles in dem Film Citizen Kane, haben sie drüben im Lager gezeigt, gab ja nicht nur Demokratie und Englisch, auch Unterhaltung, bloß ziemlich klein geraten ist der hier, dagegen die Nase ein bißchen zu krumm und zu groß. Lehmann muß nicht groß raten, das ist Abraham Katz.


Diesmal geht es anders herum, Lehmann tippt das Protokoll in die amerikanische Schreibmaschine mit den vertauschten y und z und den fehlenden Umlauten und ß, während Hölzl die Vernehmung durchführt. Der Katz wird gleich laut: ich! unbescholtener Bürger! pünktlicher Steuerzahler! Mein lieber Herr Gesangverein, der ist das also, der pünktlich seine Steuern zahlt, wo es den doch gar nicht geben soll, wenn man nach dem Gemecker bei der Stadtverwaltung geht, und was sie denn von ihm wollten, mit der deutschen Polizei habe er das letzte Mal zu tun gehabt, als seine Familie 1938 aus Tilsit ausgewiesen worden sei...! Hölzl hebt die Hände, um ihn zu beruhigen und macht ganz knapp mit dem Kopf zu Lehmann hin, nein, und das heißt natürlich: nicht mit ins Protokoll.

Bei den Angaben zur Person kommt dann heraus, daß Lehmann recht gehabt hat mit seiner bösen Vorahnung. Abraham Katz ist einer von den Schwarzgelockten, „jüdischer Mitbürger” schreibt man jetzt dafür, das darf er nicht vergessen beim Mitschreiben, außerdem besitzt der Herr die deutsche Staatsangehörigkeit, was wieder komisch ist, aber vielleicht ist er ja den Krieg über in Sicherheit in Rußland gewesen und erst nachher in die amerikanische Zone gekommen, möglich ist ja viel, Geburtsort, damals noch mit litauischer Staatsangehörigkeit, ist jedenfalls die Stadt Tilsit in Ostpreußen, und so redet der auch, so halb jiddelnd und halb wie die Leute aus der Gegend da, das ist ja noch ein bißchen mit dem Pommerschen verwandt, Jlück sagt man und wasken statt was oder soken statt so, immer ein „-ken“ an alles dran, auch an die einfachen Wörter, wo das im Hochdeutschen gar nicht geht, und das l so dunkel und gerollt, die Eltern Katz hätten dort ein Bekleidungsgeschäft gehabt, in Schivelbein gab es die Salomon-Mühle, die hat auch einem Juden gehört, sonst nur noch ein paar Viehhändler, wie Chaim Spanier, den Pferdejuden, und dann kommt aber heraus, daß Katz doch nicht den Krieg über in Rußland gewesen ist und in Sicherheit, denn er gibt an, so mit schneidender Stimme, die gar nicht zu dem gemütlichen Ostpreußisch-Jiddeln paßt, daß er von 1941 bis zur Befreiung, so drückt er das aus, normalerweise sagt man Zusammenbruch, wenn man 45 meint, im Konzentrationslager Kowno gewesen sei.

Hölzl muß erst nachfragen, wo denn Kowno überhaupt liegt, kein Wunder, wenn man den Krieg über mit dem Arsch schön warm an den Giesinger Bolleröfen geblieben ist, und Parteigenosse ist Hölzl sicher auch nicht gewesen, sonst hätten sie ihn nicht gleich wieder eingestellt. Lehmann könnte ihm aber auch sagen, wo das liegt, das fällt ihn geradezu an, dieser Name, in Litauen liegt das nämlich, jetzt wohl litauische Sowjetrepublik oder sowas in der Art, vor dem Krieg Hauptstadt Litauens gewesen und im Krieg im Reichskommissariat Ostland gelegen, an der Bahnstrecke zwischen Königsberg und Wilna, um genau zu sein, Eydtkuhnen hieß der deutsche Grenzbahnhof, das weiß er noch genau wegen dem komischen Namen. Bloß das mit dem KZ hat er nicht gewußt, Ghetto Kauen hieß es damals, auch nicht KL Kauen, obwohl ja der offizielle Ausdruck KL war und nicht KZ, also Ghetto Kauen, wo der eine Transport hinging, bei dem er mitmußte, Polizei-Reservebataillon 331, weil Depke vom dritten Zug, der eigentlich dafür vorgesehen war, im Schnapsrausch in einen Haufen Glasscherben gefallen war und alle anderen Unteroffiziere Urlaub hatten oder krank machten, was damals gesoffen worden ist, das glaubt einem auch keiner mehr, wann ist das wohl gewesen, Winter auf jeden Fall, nix mit warmem Arsch am Bollerofen, 41/42 bestimmt, nach der Zeit im Protektorat, er war gerade befördert worden, um die tausend Ostjuden aus der Ecke da hinter dem Alexanderplatz, und alle zusammen in 20 Viehwaggons untergebracht, oder besser 19, weil einer davon ja gar kein Viehwaggon sondern ein D-Zug-Wagen und außerdem für die Bewachung vorgesehen war, so ist der Hauptwachtmeister der Ordnungspolizei Lehmann mal ins Litauische gekommen.

Hölzl hat sich das mit Kowno dann auch einigermaßen von Katz erklären lassen und macht weiter mit der Vernehmung. Der kleine Schwarzgelockte will bis September 46 im Sanatorium St. Ottilien bei Landsberg gewesen sein, da weiß nun wiederum Lehmann nicht, wo das genau liegt, aber er kann im Moment schlecht bei Hölzl nachfragen, jedenfalls habe das Sanatorium nach dem Krieg ausschließlich der Genesung ehemaliger Insassen von Konzentrationslagern gedient. Im selben Monat seien dann er und sein Bruder Simon nach München gezogen, erst in eine Wohnung am Waldfriedhof, dann aber gleich in die Maximilianstraße, wo sie jetzt noch lebten – die aus den Lagern haben ja Sonderrechte, da bekommt man dann eben einfach so was zugeteilt vom Wohnungsamt, na sicher doch, Polizisten allerdings auch, weswegen Lehmann ja damals gleich in der Schellingstraße untergekommen ist, na gut... Vera Karnowsky heiße die Frau des Bruders, wieso, haben die Frauen nicht denselben Familiennamen bei denen, die liege aber zur Zeit im jüdischen Krankenhaus in der Mühlbauerstraße, das ist auch in der Möhlstraßen-Gegend, wo man nicht nur das jüdische Krankenhaus, sondern auch die ganzen amerikanischen Hilfskomitees finden kann, zum Beispiel das Joint, gleich neben dem Schwarzmarkt, oder anders gesagt, den Schwarzmarkt gleich neben dem Krankenhaus und den Hilfskomitees.

Eines muß Lehmann ja, nämlich den Kollegen Hölzl bewundern. Ganz normal befragt der den Katz, als ob der Müller heißen und aus Dortmund-Applerbeck kommen würde wie die Wirtsleute von der Schwarz-Gelb-Stube gegenüber in der Schellingstraße, überhaupt keine Regung, was der sich wohl denkt, sogar das mit der Keksfabrik nimmt er einfach so hin, ohne weiter nachzuhaken. Die steht in Sendling, das hat das Mädchen bei der Wohnung ja schon gesagt, 32 Angestellte, davon 29 Frauen, das fügt der Katz jetzt hinzu ... eine von den Ostjüdinnen hat sich damals am Bahnhof in Berlin noch in die Toiletten verpieselt, die hatten ja Angst, das sah man natürlich, obwohl keiner sich wehrte, damals noch nicht, aber die Klofrau hat aufgepaßt und ihnen gleich Bescheid gegeben, da mußte die kleine Schwarzgelockte dann doch noch mit, Ironie des Schicksals sagt man wohl zu sowas, und das vorher ist ja sowieso ein schlechter Witz gewesen, daß sie die ganzen 1000, Männlein wie Weiblein, Kinder und Alte, ausgerechnet in einem Haus bei einem alten jüdischen Friedhof zusammentreiben mußten, da lagen die ganzen Grabsteine noch in der Gegend herum, umgestürzt natürlich und mit Hebräisch drauf, konnte ja keiner lesen, manchmal aber auch Deutsch, meinem lieben Manne Aaron Hamburger und so was in der Art, oft auch hingeschmierte Hakenkreuze und „Juda verrecke!“, das ist dann wohl die SA gewesen.

Katz gibt gleich zu, Irina Stepaschkin zu kennen, aber nur ganz oberflächlich, wie er behauptet, irgendwann vor Weihnachten 47 seien sie sich im Café Taverne in der Müllerstraße begegnet, hat da nicht letzte Woche Sepp Kaspar das Feuergefecht mit den Schiebern gehabt, schönen Umgang hat er, der Herr Katz, Lehmann drückt so halb ohne es zu merken den rechten Arm gegen sein amerikanisches Schulterholster mit dem Colt New Service drin.

Wissense, ich dachte gleich, daß is so a heimliches Straßenmädchen...

Haaimliches Strahhßenmädchen, das sagt der so achselzuckend dahin und bittet dann darum, eine Zigarette rauchen zu dürfen. Hölzl nickt bloß, also holt Katz eine Packung Pall Mall aus der Tasche, Pall Malls, die auf der Straße acht Mark bringen statt sechs Mark, weil sie ein bißchen länger sind als Luckies oder Camels, die Packung ist auch noch ganz voll, Kekse müssen ja gehen wie warme Semmeln zur Zeit, das glaubt dem doch kein Mensch, daß da alles legal vor sich geht, und von wegen pünktlich die Steuern zahlen... schlecht deutsch habe das Mädchen gesprochen, in der Hauptsache Russisch, ach nee, Lehmann guckt gleich zu Hölzl und der guckt zurück, wenn man ihrem Vater glauben will, ist Irina Stepaschkin doch das reinste Sprachwunder gewesen... sie habe dann von ihrer Familie erzählt und wie schlecht es ihnen ginge, dann geht doch zurück zu Stalin, wenn’s euch nicht paßt, und daß ihr Vater Richter gewesen sei und am Ende habe sie ihm leid getan und er sie mit nach Hause genommen. Aha.

Hatten Sie Verkehr mit ihr?

Wie der Hölzl Hochdeutsch kann, wenn er nur will, das ist schon eine Ding... Katz zuckt bloß wieder mit den Achseln.

Nu, des hat sich so erjeben, ja. Ich hatt’ aber sonst kajn Interesse an dem Mädchen.

So, ergeben hat sich das mal so eben, hat sich so erjääben, Lehmann vergißt ganz den Zug nach Kowno, weil ihm das doch über die Hutschnur geht, was pennt der einfach so mit der und gibt es auch noch zu, als ob das so einfach wäre wie sich die Schuhe zubinden oder ein Stück Brot abschneiden, das ist doch unnormal sowas...

Hat S’ Ihnen erzählt, wo die Familie wohnt?

Oh... ich glaub schon, so a klajne Stadt bei Stuttgart.

Geislingen an der Steige vielleicht? Ja doch, an den Namen Geislingen kann sich der Herr Katz aus Tilsit in Ostpreußen erinnern, nie sagt dieser Mensch „Herr Kommissar”, wenn er antwortet, sowas unverschämtes, aber was will man machen bei solchen Leuten ... und das mit seiner Adresse, die von Irina Stepaschkin benutzt worden ist, ach ja, das mit der Adresse, sicher, sie habe da was gesagt, aber viele Leute würden seine Adresse benutzen, es jibt ja so wänig Wohnungen, wissense, na, Hauptsache du hast eine...

Hölzl reicht Irinas Paßphoto über den Schreibtisch, guckt sich der Katz aber bloß ganz gelangweilt an und nickt dann, ja, ja, das ist sie ... die Ostjuden hinter dem Alexanderplatz haben dann ganz peinlich genau ihren Wohnungsinhalt quittiert bekommen, das ist der schlechteste Witz von allen gewesen, wenn man mal daran denkt, was nachher kam, und dann der Unsinn mit dem vielen Gepäck, als ob die das noch gebraucht hätten.

Dem Kollegen Hölzl geht die faule Überheblichkeit von dem Herrn Keksfabrikanten jetzt aber auch gegen den Strich.

Herr Katz, jetzt überlegen S’ amal ganz genau, des kann nämlich äußerst unangenehm für sie werden, weil aus einem Vermißtenfall wird leicht a Mordfall. Und dann san SIE mein erster Verdächtiger...! Haben S’ des Fräulein Stepaschkin danach noch amal g’sehen, oder net?

Gute Vernehmungsarbeit ist das, hätte Jastrow auch gefallen, mal was andeuten von Mord, endgültig ist da ja noch nichts geklärt, und dann gucken, wie der reagiert... aber der reagiert gar nicht, wirft bloß die Hände in die Luft in so einer Judengeste als wollte er sagen, meine Zeit ist kostbar, ich bin Geschäftsmann, ihr Vollidioten, haltet ihr mich hier mit so einem Blödsinn auf, und was habt ihr denn eigentlich gemacht im Krieg?

Nu, ich glaub schon. Se war dann wohl noch ejnmol do, zwei oder drei Wochen später. War auch Post für sie da, irgend so a Karte und a Brief.

Aus Geislingen?

Ja... kann schon sajn, hab ich nicht geschaut. War ja nicht für mich, die Post.

Hat Sie wieder die Nacht mit Ihnen verbracht?

Lehmann erschrickt über sich selbst, weil er ja eigentlich nichts sagen soll, ist aber von ganz allein gegangen... Hölzl guckt erst ein bißchen böse, aber das gibt sich gleich wieder, weil es ja an sich die richtige Frage ist.

Ja, sicher.

Ja, sicher? Ja, sicher. Einfach mal so, was, mal eben so im Vorübergehen, was? Du willst aber gar nicht wissen, was ich im Krieg gemacht habe, du Schweinigel, du Drecksau, das willst du nicht, denn der Polizist, der in dem langen grünen Mantel, den du am Bahnhof von Kowno so komisch angeguckt hast, wie du da mit deiner Arbeitskolonne langmarschiert bist, so wie ein Hund seinen Herrn anguckt, das warst doch bestimmt du, oder nicht, wie ein Hund seinen Herrn haste mich angeguckt, du Drecksau, der Polizist, der seine 1000 Ostjuden dem Erschießungskommando übergeben hat, bald die Hälfe von denen sind ja schon tot in den Waggons gelegen, aber den Rest haben die Litauer mit ihren SS-Offizieren gekriegt, der Polizist, ja mein Lieber, der Polizist, das war ich...

Und dann vielleicht no amal und no amal und no amal...?

Jetzt spielt Hölzl mal den Gelangweilten, aber Katz kriegt das gar nicht mehr mit, Katz guckt nämlich bloß noch ihn, Fritz Lehmann, an, und Lehmann guckt zurück und denkt bloß: du Schweinepriester, dich krieg ich, du warst doch der Hund und ich dein Herr, und da merkt er, daß sich was tut bei dem Katz, der guckt nämlich wieder weg und zündet sich noch eine Zigarette an, wobei ihm das Streichholz wegfällt, und als er dann redet, gerät er ins Stottern.

Ja doch, ja, mindestens fünf Wochen später sei die Stepaschkin wieder bei ihm gewesen, ob sie Verkehr hatten, ja doch, sicher, du alte Pottsau, sie hätten getrunken und später hätte er mit ihr geschlafen, die trank immer viel?, ja doch, offen gestanden, Herr Kommissar, hoppla, na geht ja doch, offen gestanden hab’ ich sie für a gewohnheitsmäßige Trinkerin gehalten, zwischendurch sei sie dann aber immer wieder nach Hause gefahren, dann vielleicht noch zweimal dagewesen, wieder Verkehr gehabt, ja, sie habe nach Post gefragt, da war aber kajne, Herr Kommissar, sie habe auch nach einem Brief gefragt, das letzte Mal sei sie dann im vergangenen Winter, vielleicht vor Weihnachten bei ihm gewesen.

Aha. Und für diese Frau wollen Sie sich überhaupt nicht interessiert haben? Ist ja hochinteressant...

Lehmann hat aufgehört zu tippen und übernimmt jetzt mal die Angelegenheit. Hölzl lehnt sich in seinen Stuhl zurück und zieht dann sachte die Schreibmaschine auf seinen Schreibtisch hinüber, der ist ja auch nicht blöde und merkt, was hier vor sich geht.

Katz zuckt wieder mit den Achseln, aber jetzt sieht das aus wie, bitte nicht weitermachen, Herr Kommissar – na, denkste...

Wie ist das mit Ihrem Bruder, hat der Irina Stepaschkin auch gekannt?

Mein Bruder Shimon? Nein, nein, überhaupt nicht. Sonst auch niemand... Das heißt, doch, ejnmol war ich mit ihr im Café Deutsches Theater jewesen, da war auch der Sally Rosenblatt mit dabei, der arbeitet bei uns im Büro als Buchhalter. Mit dem hat sie später auch geschlafen, aber mein Bruder kannte sie überhaupt nicht, der ist ja auch ein verheirateter Mann.

So, so, ein verheirateter Mann, jetzt aber mal zu dem Eilbrief, ach der, ja der, dem Mann, der am 24. April gekommen ist, also ihrem Vater, dem haben wir nichts jesagt, wieso wir?, nein, ich meine, dem hab’ ich nichts jesagt, Sie allein?, ja, ich allein, ich hab mich, das war a Versprecher, ich hab ihm also gesagt, ich kenn die Irina nicht so gut, weil er von dem Verhältnis nichts erfahren sollte, ach so war das also, ja, und den Eilbrief haben wir, ich meine, habe ich erst hinterher jesehen, der lag auf dem Schrank im Zimmer meines Bruders, Herr Kommissar, wieso Ihr Bruder, ich denke, der hat die gar nicht gekannt?, ja doch, aber der Postbote hat den Brief wohl Shimon zugestellt, weil dort nur „bei Katz” auf dem Umschlag stand, der hat ja nicht gewußt, welcher Katz damit gemeint war, der Absender war „Wilma Nonne” oder so ähnlich, und jestern, sie meinen gestern erst, gestern den 4. Mai?, ja, sag ich doch, jestern kam also noch ein Eilbrief aus diesem Geislingen, den hat dann Shimon mit ins Büro gebracht, in das in Sendling?, ja, in welches denn sonst, und Sie?, ich hab jesagt, das Mädchen kommt nicht mehr zu mir, woher wollten Sie das denn wissen?, waren Sie sich da so sicher?, Sie ist eben lang nich’ mehr jekommen, deshalb hab ich mir das jedacht, den Brief hat dann de Buchhalterin bekommen, wieso jetzt auf einemal Buchhalterin?, nein, nicht Sally Rosenblatt, wir haben noch jemandem im Büro, das ist die Buchhalterin, jedenfalls sollte die ihn zurückschicken nach diesem Geislingen.

Also jetzt Moment mal: Sie haben also am 24. April Sergei Stepaschkin gesagt, Sie würden seine Tochter NICHT kennen...?

Nein, nein, Herr Kommissar, jesagt hab ich, ich kenn sie, aber se is lang nicht hier jewesen, so wie es auch de Wahrheit ist.

Das stellt Herr Stepaschkin aber ganz anders dar...

Katz holt tief Luft und drückt endlich die Pall Mall aus, die ihm schon die ganze Zeit über in der Hand verreckt ist, ohne daß er daran gezogen hätte.

WOS hat der Herr Stepaschkin darjestellt?

Daß Sie gesagt haben, Sie würden seine Tochter NICHT kennen. Gar nicht. Überhaupt nicht. Seine Aussage ist sehr eindeutig in dieser Hinsicht.

Das stimmt aber nischt.

Nein?

Nej.




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