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Der Ortsname
„Magelsen“
Wo kommen Sie denn her...?
Wenn man als Magelser in andere Teile Deutschlands gelangt und
gefragt wird, wo man denn herstamme, antwortet man in der Regel mit
„aus
der Bremer Gegend“ oder, wenn der Fragende wenigstens
Norddeutschland kennt, mit „aus der Nähe von Verden“. Wenn man
dann schließlich doch noch den Ortsnamen erwähnt, muss man
ihn
meist ganz langsam wiederholen. Das überrascht nicht unbedingt,
denn irgendeine Bedeutung ist Magelsen ja auf den ersten Blick
nicht anzusehen, und es gibt im gesamten deutschen Sprachraum
nur wenige Orts- oder Geländenamen, die ebenfalls mit dem
Namensbestandteil Mag- beginnen, von Magel- ganz zu
schweigen, das nur noch als Flussname im Elsass oder –
annähernd – im österreichischen Maglern
(Kärnten) und im schweizerischen Magglingen
(Kanton Biel) vorkommt. Magelsen ist also durchaus
ungewöhnlich.
Dabei ist die Frage nach Herkunft und Bedeutung von Ortsnamen
nicht uninteressant. Wenn man sie beantworten kann, weiß man
meistens mehr oder weniger, wann und von wem die betreffende
Ansiedlung gegründet worden ist. Das fällt am wenigsten
schwer bei Orten wie Neustadt oder Obersdorf, die so
jung sind, dass die Namensgebung bereits auf Hochdeutsch erfolgte und
wir keinerlei Probleme damit haben, ihre Bedeutung zu verstehen. Auch
etwa Nienburg stellt uns vor keine allzu großen
Rätsel,
wenn wir Niederdeutsch sprechen, handelt es sich doch um die nie
borg, die „neue Burg“ der Bischöfe von Minden, die als
solche 1025 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wird. Und Namen wie Hoyerhagen
erklären sich leicht, wenn man weiß,
dass -hagen ein im
Spätmittelalter häufig verwendetes Wort für
„Rodungssiedlung“ ist und der Ort in geschichtlicher Zeit von den
Grafen von Hoya
gegründet wurde.
Schwieriger wird es schon bei älteren Ortsnamen wie Augsburg
oder Köln, für die uns aber aufgrund von antiken
Inschriften oder Dokumenten bekannt ist, dass sie auf die
römischen
Bezeichnungen Augusta Vindelicorum und Colonia
Agrippinensis zurückgehen, was seinerzeit soviel wie „Stadt
des Erhabenen Kaisers auf dem Stammesgebiet der Vindeliker“
beziehungsweise „Kolonie der Kaiserin Agrippina“ bedeutete. Und wenn
wir
dann versuchen, Namen wie Halle
oder Lüneburg zu
deuten, nutzen uns weder etwaig vorhandene Lateinkenntnisse noch solche
der
heutigen deutschen Sprache samt ihrer Dialekte und historischen
Vorläufer. Wir sind dann gezwungen, mehr oder weniger plausible
Vermutungen anzustellen, beispielsweise die, dass der Name der Stadt
in Sachsen-Anhalt auf ein hypothetisches keltisches oder
„illyrisches“ Wort *hal
für „Salz“ zurückgeht und etwas mit den örtlichen
Salinen zu tun hat, während Lüne-
das letzte Überbleibsel eines längst ausgestorbenen
langobardischen Ausdrucks für „Schutz“ sein könnte (*hliuni,
der Ort hieße also einfach „Schutzburg“).
Leider scheint unser Magelsen eher in letztere Kategorie zu
gehören.
Magelsen in alten Urkunden
Zum ersten Mal schriftlich erwähnt wird
das Dorf
wahrscheinlich in einem uns überlieferten Rechtsakt, der im Jahr
935 in der Pfalz Duisburg stattfand. Damals erschienen die Familie
eines adeligen
Großgrundbesitzers
namens Willari
und der hamburgisch-bremische Erzbischof Unni
samt Rechtsbeistand vor Heinrich dem
Vogler, Herzog von Sachsen und
König des ostfränkischen Reiches, um sich von diesem
eine Besitzübertragung bestätigen zu lassen. Die Zeiten waren
unruhig
damals –
in den vorangehenden Jahren
waren mehrfach ungarische Nomadenkrieger in das Reich eingefallen, im
Osten kämpften Heinrichs Ritter gegen die Slawen, im Norden
gegen die Dänen –, und Willari, seine Frau Rasmad und ihr Sohn
Thaadulf wollten sich vielleicht ein
wenig Seelenheil sichern, vielleicht mussten sie auch nur Land
verkaufen, um die dem königlichen Lehensherrn zu leistenden
Kriegsdienste
bezahlen zu können. Jedenfalls überließ Willari dem
Erzbistum
gegen einen gewissen Obulus seine Besitzungen „mit allen zu den
Höfen gehörigen Gebäuden, Arbeitskräften,
beackerten und nicht beackerten Flächen und allem, was sonst
dazugehört“ in Holtgibutli (Holtebüttel), Holthem
(Holtum), Folkaresha
(Völkersen), Nianthorp
(Nindorf), Omanthorp (Amedorf),
Walle, Rikinburgi
(Ritzenbergen), Dauuisla
(Dauelsen) und
eben
auch in einem Ort namens Magulun.
Damit haben wir wohl die älteste überlieferte Form
von Magelsen vor uns. Zwar scheint ein -s- zu fehlen,
aber
die genannten Ortschaften liegen alle unmittelbar nördlich und
westlich Verdens, also nicht allzu weit von Magelsen entfernt, und dass
es
früher in der näheren Umgebung ein weiteres, heute aber
verschwundenes Dorf gegeben hätte, das den Gesetzen der
Lautentwicklung zufolge jetzt *Magelen
oder *Maglen heißen müsste, ist doch eher
unwahrscheinlich. Der Schreiber wird also den Namen falsch verstanden
haben, oder aber es liegt derselbe Fall wie bei Bücken vor, das zuerst als Bokkenhusun und dann als Bukkiun erwähnt wird, sodass
die ursprüngliche Form *Magulunhusun
geheißen hätte (das Sternchen zeigt an, dass es sich um
rekonstruierte, nicht um urkundlich belegte Namensformen handelt).
Für das Jahr 937 ist dann in
der Chronik des Stifts Bücken
bereits von den Siebenmeierhöfen die
Rede, mit denen die Versorgung der
Bücker Stiftsherren gesichert wurde. Die Chronik stammt zwar aus
dem Spämittelalter, allerdings wurde das Stift im selben Jahr von
Heinrichs Sohn Otto mit
Ländereien versehen, der
Angabe in der Chronik kann man also wohl trauen. Möglicherweise
geht der Magelser Siebenmeierhof sogar direkt auf den oben
erwähnten, zwei Jahre zuvor
erfolgten Verkauf Willaris zurück. Das Stift war ja erst 882
gegründet worden, und
vermutlich war die wirtschaftliche Versorgung der Kanoniker am Anfang
noch nicht so durchorganisiert wie in späteren Jahrhunderten.
Die
nächste sichere Namensnennung Magelsen erfolgt erst wieder 1124 in
der
Bestätigung der Güter des Benediktiner-Klosters
Rastede
durch Papst Calixt II. Das Kloster im Oldenburgischen war 1091 von
einem weiteren adeligen Großgrundbesitzer namens Huno und
seiner Frau Willna gegründet worden, die womöglich auch
eine Art Grafentitel trugen, allerdings noch nichts mit den
späteren
Grafen von Oldenburg zu tun hatten. Zu den Ländereien Hunos und
Willnas, mit denen die Mönche beschenkt wurden –
hier ging es wirklich ums Seelenheil –,
gehörte offenbar auch eine Hofstelle in Magelsen, das als Magellissin
in der Liste
der
Besitztümer aufgeführt ist. Der Grund für diese das
gesamte Mittelalter durchziehenden Bestätigungen und
Versicherungen von Besitztiteln durch „höhere Stellen“ besteht
in der allgemeinen Rechtsunsicherheit, die erst in der
frühen Neuzeit durch die Ämterverwaltung der einzelnen
Territorialfürstentümer abgelöst wurde – bei
Besitzstreitigkeiten
war es immer günstig, eine Urkunde von König oder Papst zur
Hand zu haben, um der Gegenseite Paroli bieten zu können. Die
Rasteder Güter in Magelsen wurden dann auch noch
zwei weitere Male, 1159 und 1190, erneut bestätigt; spätere
Namensnennungen erfolgten außerdem im Zuge kleinerer
Beurkundungen für Rechtsangelegenheiten der Grafen
von Hoya und
des örtlichen Kleinadels. Die dabei aus dem Mittelalter
und der frühen Neuzeit überlieferten Namensformen lauten Maghelsen,
Magelszen, Malsen oder sogar Magelsheim;
auf alten Karten finden wir außerdem Moursen und Moursse, wobei hier allerdings die
Zuverlässigkeit anzuzweifeln ist, weil die holländischen oder
süddeutschen Kartografen sicher nicht alle Ortsnamen richtig
wiedergegeben haben (möglicherweise liegt auch eine Verwechslung
mit Morsum vor). Im heutigen
Niederdeutschen nennt man den Ort Mågelsen
mit offenem å
wie im Schwedischen oder wie a
in englisch hall.
Besiedlung der Weser-Flussaue
Ist nun die erste
Überlieferung des
Ortsnamens 935 auch –
wenigstens ungefähr – mit den Zeitpunkt der Ortsgründung
gleichzusetzen? Dazu muss man natürlich zunächst
wissen, wann denn das flussnahe Marschland an der
nördlichen Mittelweser überhaupt zum ersten Mal von Menschen
besiedelt wurde. Diese Frage
allerdings ist nicht unbedingt einfach zu beantworten: Durch die
jährlichen Hochwasser sind möglicherweise vorhandene
archäologische Überreste in der Regel unter dicken Schichten
Auenlehm begraben, so kam etwa 1934 beim Ausheben der Baugrube für
das Schleusenbecken in Langwedel erst nach mehreren Metern der alte
Talboden samt Einbäumen und Tonwaren aus der römischen
Kaiserzeit zu Tage; und was an Funden in der näheren Umgebung
überhaupt gemacht wurde, ist in der Regel als Nebenprodukt
größerer Erdarbeiten oder der Baustoffgewinnung in den
örtlichen Sand-,
Ton- und Kiesgruben angefallen, lässt sich also schwer in einen
systematischen Zusammenhang bringen.
Ackerbau scheint in dem fetten, schweren Marschboden direkt an
der
Weser jedenfalls erst seit Einführung des von
Ochsen
gezogenen Eisenpflugs möglich zu sein. Soweit wir dies aus
archäologischen Ausgrabungen im restlichen Europa wissen, sollten
wir dafür als Erfinder die Kelten und als wahrscheinlichsten
Zeitraum
die Jahrhunderte um die
Zeitenwende annehmen; die Erfindung des Sechpflugs mit
Streichbrett, der endgültig eine
Beackerung schwerer Böden ermöglichte, fällt sogar erst
in die Zeit des fränkischen Reiches im frühen Mittelalter.
Noch etwas
später ist der Bau der ersten
Deiche anzusetzen, der Grabungen zufolge nicht einmal an der Küste
und an den
Unterläufen der großen Flüsse vor dem 10./11.
Jahrhundert begonnen hat. Für die vorangehenden Zeiten, etwa ab
dem 2.
Jahrhundert unserer Zeitrechnung, sind
für dieselben Gebiete archäologisch Wurten- bzw.
Warftensiedlungen erschlossen, bei denen der Hochwasserschutz durch
Errichtung einer Wohnstätte auf einem künstlichen Hügel
erreicht wurde.
Interessanterweise finden wir eine mehr oder weniger wurtartige
Ansiedlung nur wenige
Kilometer stromabwärts von Magelsen in Neddernhude,
auch einige Hofstellen und die Kirche in Oiste
könnten dem Augenschein nach auf einer älteren Wurt
erbaut worden sein. Dies würde zu den Langwedeler Funden passen
und eine anfängliche Nutzung der Flussaue in den ersten
Jahrhunderten unserer Zeitrechung nahelegen, wozu auch die
Überreste hölzerner Brunnen aus der römischen Kaiserzeit
in der Tongrube der ehemaligen Ziegelei am Südrand Hoyas passen.
Auch ein Zusammenhang mit der friesischen Expansion
im 6. und 7. Jahrhundert ist nicht auszuschließen: Damals
siedelten viele Friesen in den ehemals chaukischen Gebieten
östlich der Ems, und man kann sich vorstellen, dass einige von
ihnen auch bei der Erschließung der weiter südlich gelegenen
Flussmarschen eine Rolle gespielt haben (vor allem, wenn man an Orte
wie Ubbendorf und Eggerikessen denkt, deren Namen auf typisch
friesische Personennamen zurückgehen).
So plausibel allerdings diese Überlegungen scheinen – die
Archäologie hält
einige Überraschungen bereit: Nördlich von
Magelsen wurde beispielsweise 1958 in einer Kiesgrube bei Dreye ein
keltisches
Bronzeschwert gefunden, in Holtum-Marsch
bereits 1936 ein aus Irland importierter Goldring, beides aus der
frühen
Eisenzeit (um 500 vuZ) stammend. Nicht weit davon entfernt gibt es in
Blender –
dessen Name wohl nicht zufällig
so altertümlich
ist – einen ebenso alten Urnenfriedhof, in Morsum und Stedebergen wurden
weitere keltische Importwaren gefunden, in Hassel
eine Lanzenspitze aus der Bronzezeit und sogar eine kleine Tontrommel
aus der Jungsteinzeit, in Schweringen
ein Grab aus der jüngeren Bronzezeit.
Südlich von Nienburg, bei Wellie, wurde 1958 in einer älteren
Auenlehmzone eine ganze früheisenzeitliche Siedlung
ausgegraben, und in Petershagen-Ilse entdeckte man 1998 Gräber mit
typisch süddeutsch-keltischem Körperschmuck, der ebenfalls
auf die frühe
Eisenzeit weist. All diese Fundorte liegen direkt an oder sogar in der
Überschwemmungszone von Weser und Aller, es scheint also, dass in
diesem Bereich bereits Menschen siedelten, bevor er tatsächlich
für den Ackerbau nutzbar wurde.
Auch die Klimadaten, die in den
letzten Jahrzehnten aus Bodenproben, Pollendiagrammen, Baumringen und
Eisbohrkernen gewonnen wurden, legen ein ganz anderes Szenario als eine
Besiedlung der Auenzone erst nach der Zeitenwende nahe. Demnach
wechselten in der Vorgeschichte immer wieder Perioden mit jeweils hohen
oder geringem Niederschlag bzw. Temperaturen ab, und je nachdem, ob die
Regenmengen für mehr oder für weniger Hochwasser sorgten,
wagten sich die Menschen mit ihren Siedlungen in die fruchtbaren
Täler vor oder zogen sich auf die umliegenden Hochflächen
zurück. Für den fundreichen Zeitraum um 500 vuZ etwa lassen
sich niedrigere Temperaturen, aber auch weniger
Niederschläge belegen – dies muss die Gefahr von Weserhochwassern
verringert und möglicherweise sogar eine relativ dichte Besiedlung
ermöglicht haben, die erst durch das nachfolgende, warme und
feuchte Klimaoptimum um
die Zeitenwende wieder ausdünnte. Dabei kann auch eine gewisse
Siedlungskontinuität nicht ausgeschlossen werden, da die
Ortschaften
in der Flussaue oft auf kleinen, möglicherweise früher
hochwasserfreien Aufwerfungen der Niederterasse liegen, die
heute aufgrund des jahrhundertelangen Anschwemmens von Auenlehm nicht
mehr
als solche erkennbar sind.
Was die mangelhafte Nutzbarkeit durch den Pflugbau angeht, müssen
wir außerdem davon ausgehen, dass die Dicke der Auenlehmdecke an
der Mittelweser keine natürliche Ursachen hat, sondern vor
allem auf die durch die Landwirtschaft am Oberlauf und an Werra und
Fulda enorm angestiegene Bodenerosion zurückgeht. Demnach
wäre der Boden in der Vorgeschichte noch viel sandiger und
kieshaltiger und somit einer Beackerung leichter zugänglich
gewesen; außerdem muss man damit rechnen, dass die Viehzucht in
diesen Zeiten eine größere Rolle spielte als später,
und einige der Nachbardörfer Magelsen, wie Intschede, Hutbergen und Ritzenbergen, liegen alle auf
natürlichen Erhöhungen der Niederterasse, die aus dem
Auenlehem herausragen und müssen schon in sehr früher Zeit
eine
einigermaßen sichere Wohnstätte geboten haben. Im
östlich von Berlin gelegenen
Großen Oderbruch, das auch landschaftlich stark an das
Aller-Weser-Dreieck erinnert, gibt es eine interessante Parallele in
historischer Zeit: In den dortigen Urwäldern in der Flussniederung
lebte bis zur Regulierung der Oder unter Friedrich dem Großen im
18. Jahrhundert eine slawische Vorbevölkerung vom Fischfang
und vom Heu, das im Spätsommer nach dem Trockenfallen der
Altarme auf den Auenwiesen gemäht wurde. Die Dörfer bestanden
aus
kleinen Lehmkaten, die durch Wälle aus Kuhmist gegen das Wasser
geschützt waren, und das meistgebrauchte Verkehrsmittel waren
kleine Kähne, mit denen die Bewohner von einer Ortschaft zur
anderen stakten, ganz ähnlich wie noch heute bei den Sorben im
Spreewald.
Zwar gibt es
keine archäologischen Hinweise auf eine solche Wirtschaftsweise in
der Weserniederung, aber ausschließen lässt sie sich
natürlich ebensowenig, und in diesem Zusammenhang fällt
beispielsweise auf,
dass
Magelsen sich längs eines heute fast ausgetrockneten Altarms (der
verbleibende Rest wird als „Magelser
See“ bezeichnet) erstreckt und die Bebauung im Kernbereich neben
der Kirche im Vergleich zu den großen alten Vollmeierstellen an
den Süd- und Nordrändern des Dorfs eher kleinteilig
ausfällt. Ein
ebensolcher Hinweis ist die Deutung der
Ortsnamens Hoya als „die
Heuwiesen“.
Für die Besiedlung der Flussauen am Zusammenfluss von Weser
und Aller zeichnen sich also drei Möglichkeiten ab:
Zunächst könnte es schon lange vor der vollen
landwirtschaftlichen
Erschließung eisen-, bronze- oder sogar steinzeitliche Pioniere
gegeben
haben, die sich von Fischfang
und etwas Viehzucht ernährt haben; hierbei ist es allerdings eher
unwahrscheinlich, dass die entsprechenden Siedlungen wirklich über
die Zeitenwende hinaus
kontinuierlich bewohnt waren und ihren Namen sozusagen „weitervererbt“
hätten. Weiterhin
könnte eine Besiedlung
in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, gegebenenfalls auf
einzelnen
wurtenartigen Erhöhungen, durch Großbauern mit
Eisenpflügen und
Ochsengespannen erfolgt sein, und schließlich ist es
ebenso wenig auszuschließen, dass erst die
im
fränkischen Reich des 9. und 10. Jahrhunderts verbreiteten neuen
Technologien wie Deichbau oder Sechpflug eine permanente Nutzung des
Marschlands durch den Menschen und die Gründung der heute darin
liegenden Ortschaften ermöglichten. Für eine
Besiedlung schon während des zuerst genannten Zeitraums gibt es
immerhin einige archäologische Hinweise, für den zweiten
Zeitraum sprechen technologische Überlegungen, und erst für
die
Ansiedlung im Verlauf des dritten Zeitraums gibt es sichere, teilweise
bereits urkundliche Belege.
Zuletzt wäre natürlich noch die Variante zu nennen, dass
nicht nur
eine, sondern alle
drei Besiedlungen tatsächlich stattgefunden haben und es immer nur
eine gewisse Überlagerung der jeweiligen Vorbevölkerung
gegeben hat, wobei dann jede „Einwandererschicht“ ihre Spuren bei den
Ortsnamen hinterlassen hätte.
Der geheimnisvolle „Magel“
Gibt es nun eine überzeugende
Erklärung des Namens Magelsen,
die
man
mit den vorstehenden Hypothesen zur Besiedlung der Flussaue in
Verbindung bringen
kann und die den Anforderungen der
Ortnamenforschung standhält? Versuchen wir einmal, ein wenig zu
spekulieren: Zunächst müssen wir wissen, in welcher Sprache
der Ort möglicherweise benannt wurde. Die ältesten erhaltenen
Sprachdenkmäler aus Norddeutschland sind in einem Vorläufer
des heutigen Niedersachsenplatt, dem sogenannten Altniederdeutschen
(auch
Altsächsisch oder Altniedersächisch genannt) abgefasst,
darunter der Hêliand,
eine freie literarische Bearbeitung des neuen Testaments, die uns den
Großteil des Sprachmaterials aus dieser Zeit liefert. In diesem
Zusammenhang sind aber auch Sprachzeugnisse aus dem Altenglischen von
Bedeutung, weil die Angelsachsen nach neueren Forschungen ihre Wurzeln
nicht nur in den Gebieten nördlich der Elbe, sondern vielmehr im
hohen Maß im Mittelweserraum und anderen Teilen Niedersachsens
hatten. Die bereits aus dem 6. und 7. Jahrhundert bekannten
altenglischen Texte (das sind immerhin nur zwei Jahrhunderte nach der
sächsischen Einwanderung in das von den Römern verlassene
England) können uns somit wertvolle Hinweise über die
Sprache liefern, die an der unteren Mittelweser vor den ersten
schriftlichen
Zeugnissen gesprochen wurde.
Was noch weiter
zurückliegende Epochen angeht, herrscht
in der
Wissenschaft weitgehend Uneinigkeit: In der Regel wird davon
ausgegangen, dass sich die germanischen Sprachen von Skandinavien aus
nach Süden verbreitet haben; die Grenze des „Urgermanischen“
wäre dabei in etwa bei der Unterweser-Aller-Linie zu sehen, weil
hier die nur archäologisch zu erfassende, in Südskandinavien,
Schleswig-Holstein und Mecklenburg verbreitete Jastorfkultur
endet, die man mit
den frühen Germanen in Zusammenhang bringt. Südlich dieser
Grenze wäre in diesem Fall mit nicht-germanischen Sprachen zu
rechnen, etwa mit denen des sogenannten Nordwestblocks,
bei dem es sich
um ein indoeuropäisches Volk zwischen Kelten und Germanen
gehandelt haben könnte, das im Verlauf der Völkerwanderung
von den Germanen vereinnahmt
wurde
und in sprachlicher Hinsicht untergegangen ist. Es gibt einige
archäologische und sprachliche Hinweise in diese Richtung, etwa
die in unserem Gebiet verbreitete eisenzeitliche Nienburger
Kultur, bestimmte Ortsnamen (etwa Varste)
oder die schwer germanisch zu deutenden Namen der cheruskischen
Oberschicht zur Zeit der Varusschlacht (Arminius, Segestes, Sesithacus usw.),
aber die Theorie ist bei Sprachwissenschaftlern und Vorgeschichtlern
insgesamt eher umstritten. Für viele sind auch die Nienburger
Kultur und die angrenzende Harpstedter Kultur bereits germanisch. Und
inzwischen gibt es sogar die radikal
neue These, das Germanische hätte sich, in welcher Form und
wann auch
immer, von einer Keimzelle in Südniedersachsen, Sachsen-Anhalt und
Thüringen aus nach Norden verbreitet ...
Bleiben wir zunächst beim Altniederdeutschen. Wenig
Probleme bereitet hier das Grundwort -sen,
das man als der Bequemlichkeit halber verkürztes Überbleibsel
von -husen deuten kann, ganz
wie beim nahe gelegenen Bruchhausen
(historisch Brokhusen),
das ja heute auf Niederdeutsch Broksen
heißt. Die Endung ist in Namen wie Uphusen, Kellinghusen, Willinghusen
usw. noch vollständig erhalten und begegnet uns mittel- und
oberdeutsch in Sachsenhausen,
Gellershausen, Witzenhausen usw.,
im niederländischen Sprachraum in den Ortsnamen auf -huizen
sowie in den entfernten dänischen Verwandten Århus
oder Gallehus. Es
handelt sich dabei um eine Ableitung von hus (also „Haus“), die
in den ältesten Formen norddeutscher Ortsnamen in der Regel als -husun, -huson oder -husum auftritt und sich
als „bei den Häusern“ deuten lässt (für die alten
Lateiner unter den Lesern: Es handelt sich um einen lokativisch
verwendeten altniederdeutschen Dativ Plural). Damit scheint
zunächst sicher zu sein, dass der Ort von Menschen gegründet
wurde, die Altniederdeutsch oder eine urgermanische Vorform davon
gesprochen haben, denn andernfalls würde er kaum eine solche
Endung aufweisen.
Das könnte natürlich trotzdem bedeuten, dass der erste
Bestandteil des Namens, also
das sogenannte Bestimmungswort Magel,
schon voher zur Bezeichnung der Örtlichkeit verwendet wurde, ohne
dass tatsächlich eine Siedlung vorhanden war. Und hierfür ist
die Erklärung nun nicht mehr so einfach:
Der
frühere Eitzendorfer
Pastor
Soltmann, der sich in einem 1905 erschienenen heimatkundlichen Werk (Geschichte des
Kirchspiels Eitzendorf bei Hoya) Gedanken über die
Ortsnamen des nördlichen
Hoyaer Lands machte, brachte einen möglichen Personennamen „Magel“
ins
Spiel. Damals stellt man sich vor, die deutschen Ortsnamen würden
in der Regel auf die Tätigkeit eines heroischen
Kolonisators zurückgehen,
der mit seiner Sippe im Verlauf der
„germanischen Landnahme“ – die man gerne in die Bronzezeit oder am
besten sogar die Jungsteinzeit zurückverlegte – ein Stück
Urwald
gerodet und mit seiner jeweiligen Sippschaft bevölkert hätte.
Nach diesem
Kolonisator wäre dann durch Anhängen eines -hausen, -heim, -ingen usw. der jeweilige Ort
benannt worden, und Magelsen
müsste man in dieser Interpretation als „bei den Häusern des
Magel“ lesen.
In der Tat lassen sich viele Ortsnamen auf diese Weise deuten:
Sigmaringen geht ohne
Zweifel auf
einen Sigmar zurück, Völkersen auf einen Volker, Waltershausen (in Thüringen)
auf einen Walter oder Normannshausen bei Martfeld auf
eine Familie Nor(d)mann, ganz
wie Potterville, Carsontown oder Myersburg im
Nordamerika des 19.
Jahrhunderts von den Familien Potter,
Carson und Meier gegründet wurden. Und
nicht nur dies – im deutschen Telefonbuch findet sich auch wirklich ein
Familienname Magel, der
irgendwie mit unserem Magelsen
zusammenhängen könnte. Zwar gab es im Frühmittelalter
(und vor 935 muss die Gründung ja erfolgt sein) noch keine
Familiennamen, aber dieser könnte sich ja, wie etwa bei Adam oder Karl, aus einem älteren
Vornamen entwickelt haben, auf den dann unser hypothetischer
Ortsgründer gehört hätte. Aber was wäre seine
Bedeutung? In Grimms
Wörterbuch
finden wir zunächst den Eintrag Mage, darin mâg als
altes
Wort für „Mohn“ (altniederdeutsch mâgo), was für einen Personennamen
eher nicht in Frage kommt, weiterhin aber noch altniederdeutsch mâg,
ein verloren gegangenes Wort für einen
Verwandschaftsgrad in der Nebenline („Schwiegervater“, „Schwiegersohn“,
„Schwager“ usw.), und -el
könnte eine Verkleinerungsform sein, ein magel wäre also ein
„Schwiegerväterchen“ oder dergleichen. Familiennamen, die aus
Verwandschaftsbezeichnungen entstehen, sind zwar eher selten, aber auch
nicht ungewöhnlich (z. B. Bräutigam,
Eidam und natürlich
Ohm), und
gerade bei Ortsnamen, die auf Personennamen zurückgehen, liegt
häufig eine Koseform zugrunde.
Der Haken dabei ist, dass für das Altniederdeutsche des Hêliand keine
Verkleinerungsformen belegt sind und ein solches -el eigentlich den Sprachgesetzen
zufolge auf ein älteres -il
oder -lin zurückgehen
müsste;
so finden wir etwa ein hervorragend zu dieser These passendes Magilingon,
das für das Jahr 837 als ursprüngliche Form des Dorfs Mögling
bei Trostberg in Oberbayern belegt ist (=„bei der Sippe des
Magel"), während die für Magelsen
überlieferte älteste Form Magulun
ja ein -ul- enthält.
Außerdem gibt es noch die ähnlichen Ortsnamen Magolsheim
bei Ulm und Magalicha als
frühmittelalterlichen Namen der Stadt Melk in Österreich, bei denen
ein ähnlicher Ursprung angenommen werden könnte, die aber
ebenfalls kein -il-
aufweisen. Ganz sicher ist die Sache mit den Sprachgesetzen allerdings
auch nicht, denn im
Gotischen
gab
es das Wort magula =
„Jungchen“ als
Verkleinerungsform von magus, wobei allerdings das
angehängte -ula auch aus
dem Lateinischen entlehnt sein könnte (man denke an caliga – Caligula). Als letzte
Möglichkeit für einen Personennamen ließe sich
noch an Magel als
im heutigen Niederländischen verbreitete Kurzform für Machthild (heute: Mechthild) anführen, bei dem
heroischen Kolonisator hätte es sich also um eine Frau gehandelt!
Auch das ist nicht
unmöglich, so finden sich bei den alten Germanen ja durchaus
Spuren eines matrilinearen
Verwandtschaftssystems
und einer wichtigen Stellung der Frau, und tatsächlich
gibt es im Rhein/Maingebiet ein (heute zu Wiesbaden gehöriges) Mechthildshausen
– allerdings ist nicht zu belegen, ob es im Frühmittelalter oder
davor wirklich ein *Magul als
Koseform von Machthild
gegeben hat, und davon ganz abgesehen könnte auch eine
Verwechslung mit Magel als
Koseform von Magdalena
vorliegen, was als biblisch-christlicher Vorname für eine
hypothetische
germanische Ortsgründerin sicher nicht in Frage kommt.
Interessanterweise ist in einer alten Urkunde aus dem Jahr 969
der seltene Name Magelfred
überliefert, sodass Magel
auch noch die Kurzform eines Ortsgründers mit diesem Namen sein
könnte; in diesem Falle könnte die Ursprungsform
tatsächlich *Magulunhusun
lauten, da hier mit grammatisch korrektem Genitiv ein *Magulo als Koseform von Magelfred zugrunde liegen
würde.
Ein Name – viele Deutungen
Insgesamt wirkt eine Erklärung von Magel als Personenname
zwar möglich, der undurchsichtigen Herleitung wegen aber auch
nicht vollkommen überzeugend. Nun muss aber, wie die Beispiele Bruchhausen, Moorhausen (bei Varel) Haidhausen (Stattteil von
München), Hirschhausen
(bei Wetzlar), Eichenhausen
(nördlich von Schweinfurt), Mühlhausen
oder Burghausen zeigen, -hausen, -husun oder -sen nicht unbedingt an einen
Personennamen angehängt sein, um einen Ortsnamen zu ergeben;
ebenso kann das Bestimmungswort für eine Besonderheit der
Landschaft, ein bestimmtes Gebäude oder sogar eine in der Gegend
häufige Tierart bzw. Pflanze stehen.
In dieser Hinsicht bieten sich – mindestens – vier weitere
„Erklärungskomplexe“ für Magel
an:
- Die oben erwähnte Mohnpflanze,
altniederdeutsch mâgo,
siedelt sich gerne auf
trockenen Lehmböden an, von denen es ja in der ursprünglichen
Auenlandschaft der Weser wenigstens im Sommer einige gegeben haben
könnte (insbesondere in der durch weniger Hochwasser
gekennzeichneten frühen Eisenzeit oder der warmen und trockenen
Bronzezeit, siehe oben).
Das -ul/-el wäre in
dieser Interpretation ein Ableitungssuffix, der aus „Mohn“ so etwas wie
„das Mohnhafte“
macht, etwa wie bei der Angel
(aus althochdeutsch angul),
wo ein indoeuropäisches ang-
oder ank- = „Winkel,
Gekrümmtes“ durch den ul-Suffix
zu „der Gekrümmten“ wird. Magel
wäre dann ein alter, ausgesprochen poetischer Landschaftsname mit
der
Bedeutung „Die Mohnreichen“ (Wiesen), an den dann später von den
ersten Siedlern das
germanischen Grundwort -husun
angehängt worden wäre.
-
Die nächste mögliche Erklärung geht auf die
Forschungen eines etwas exzentrischen Rostocker Professors
zurück, der so gut wie alle deutschen Ortsnamen auf angebliche
indoeuropäische
Bezeichnungen für „Sumpf“, „Moorwasser“, „Tümpel“
usw. zurückführen wollte (Bahlow, Hans: Deutschlands
geographische Namenwelt, FaM 1985). Seine Methodik ist
allerdings
ausgesprochen wackelig: Neben immerhin nicht völlig
auszuschließenden Verweisen auf die weitläufig mit dem
Deutschen verwandten
Sprachen Altindisch, Hethtitisch,
Armenisch usw. nimmt Bahlow auch mal einfach ein „Wasserwort“ an, wenn
der
betreffende Ort früher in einem Feuchtgebiet gelegen haben
könnte oder sich auf einen Ort reimt (!), für den dieses
zutrifft. Da nun das alte Germanien in der Vorgeschichte allgemein von
eher sumpfiger und mooriger Natur war, ergeben sich so absurde
Folgerungen wie beispielsweise die, dass sowohl Dör- als auch Verd- verloren gegangene
„Sumpfwörter“
darstellen
sollen,
wodurch etwa der Ort Dörverden
als „Sumpf-Sumpf“ erklärt werden müsste ...
Ganz auszuschließen sind natürlich
entsprechende
Erklärungen im Einzelfall auch nicht (siehe Blender oder Hilgermissen), insbesondere was
den oben erwähnten „Nordwestblock“ angeht, der ja für eine
unbekannte indoeuropäische Sprache stehen würde, die
vielleicht in
unserer Gegend gesprochen wurde. Was Magelsen
angeht, ließen sich
hier als urverwandte Wörter beispielsweise keltisch *mūkino
= „Sumpf“, altindisch mukljiv,
slawisch mokva
= „feucht“,
lettisch mukls = „sumpfig“, altisländisch mygla = „Schimmel“ oder
lateinisch mucus =
„Schleim“ und mūgil =
„Schleimfisch“ anführen, wobei der Ableitungssuffix dann
wie in 1. angehängt wäre und einen sehr alten Namen *Magul für die
sumpfige Bruchlandschaft an der Weser ergeben würde. Allerdings
passt der
Vokal
-a- nicht ganz, und die
Namensgebung müsste entweder ungeheuer weit in die Vergangenheit
hineinreichen, um derart vage Zuordnungen zu erlauben, oder aber die
geheimnisvolle Nordwestblocksprache hätte ziemlich
ungewöhnliche Eigenschaften gehabt (ein indoeuropäisches *meug-
hätte über *meg- zu
*mag- geführt,
was sonst in keiner verwandten Sprache bekannt ist). Dies ist
sicher
möglich, die Erklärung wirkt aber gegenüber den anderen
Hypothesen nicht sehr überzeugend; immerhin hätten wir damit
auch hier
einen Hinweis auf
die Anwesenheit von Menschen weit vor der landwirtschaftlichen Nutzung
des Flussaue.
-
Im Reigen der hypothetischen Bedeutungen von Magel sind
natürlich auch die eisenzeitlichen Kelten nicht zu vergessen: Die
Archäologie zeigt einen starken, von Südwest- und
Mitteldeutschland ausgehenden Einfluss der keltischen
Hallstatt- und Latène-Kulturen auf den Mittelweserraum, belegt
unter anderem durch den oben erwähnten irischen Goldring von
Holtum-Marsch,
eine keltische Bronzescheibe in Stedebergen, das Hallstatt-typische
Pferdegeschirr aus Leeseringen bei Nienburg oder die
spätlatènezeitlichen Gräber von Petershagen-Ilse. Es
ist sicher nicht
auszuschließen, dass solche engen kulturellen Kontakte auch
in sprachlicher Hinsicht Auswirkungen hatten, insbesondere was
beispielsweise die
fortschrittliche keltische Ackerbautechnik oder religiöse
Vorstellungen angeht.
Im Zusammenhang mit dem Ackerbau und der Einführung
des eisenen Pfluges würde sich hier gemeinkeltisch *magos = „Feld“ anbieten,
allerdings ist Mag- bei
west- und süddeutschen Ortsnamen sicheren keltischen Ursprungs in
der Regel zu May- geworden (etwa bei Mayen, siehe Hoya) oder als -magen (etwa in Dormagen) bzw. Meges- (etwa in Megesheim) erhalten, kommt also
eher nicht in Frage. In
religiöser Hinsicht wird es interessanter, denn aus dem
römisch-keltischen Gallien ist uns eine Weiheinschrift für
einen Gott namens Magalu
erhalten: Buscilla sosio
legasit
in Alixie Magalu („Buscilla hat dies hier in Alesia dem Magalu
hingelegt“), der Name ist
wahrscheinlich von gallisch magios
= „groß“ abgeleitet. In diesem
Zusammenhang ist es nützlich, sich die religiösen
Vorstellungen unserer Altvorderen vor Augen zu halten, die ihre
Götter oft in unzugänglichen Moor- oder Sumpfgegenden in Form
primitiver Holzstandbilder verehrten, sodass wir etwa für den
(wahrscheinlich hochwasserfreien) Bereich der Magelser Kirche ein
altes, seinerzeit tief im Bruchwald versteckt gelegenes Heiligtum
vermuten könnten. Mehr zu dieser heißen Spur weiter unten!
-
In der Geographia des
griechischen Gelehrten Claudius Ptolemäus aus dem 2. Jahrhundert
wird für das Gebiet nördlich der Elbmündung ein
germanischer Volksstamm namens Saxones
aufgeführt, außerdem berichtet die von dem Mönch Widukind
von Corvey um 970 aufgezeichnete Herkunftssage der Sachsen von
einem ersten Einfall sächsischer Krieger von der Nordsee her in
den Gau Haduloha, das heutige
Land Hadeln.
Traditionell wird daher angenommen, dass die Angelsachsen und die Niedersachsen durch Einwanderung
oder kriegerische Eroberung der ursprünglichen
nordelbischen Sachsen und spätere Verschmelzung mit der
jeweiligen Vorbevölkerung entstanden sind (siehe auch Holsten bei Eitzendorf). Ein
Beispiel dafür könnte gerade der oben erwähnte
Großgrundbesitzersohn Thaadulf
sein, in dessen Name ein skandinavischer Ulf, also „Wolf“ steckt (die
entsprechende althochdeutsche Form des Namens ist *Thiutwolf oder Dietwolf). In
diesem Zusammenhang
sollten wir also vielleicht für eine Erklärung von Magel nicht nach Süden, zu den
Kelten hin, sondern vielmehr nach Skandinavien blicken, denn wie die
norddeutschen Ortsnamen mit altdänisch vedel
= „Furt“ zeigen (etwa Langwedel),
kann man einen sprachlichen Einfluss aus dem Norden, der
möglicherweise im Verlauf der Sachsenwanderungen an die
Mittelweser gelangt
ist, ebensowenig ausschließen wie einen keltischen aus dem
Süden.
Gibt es also nördlich der Elbe Hinweise auf Magel? Die
gibt es in der Tat: Auf der dänischen Hauptinsel Seeland
erstreckt sich ein Sumpfgebiet namens Maglemose, in
Südschweden gibt es ein Maglehem, in Nordschleswig den Ort
Mögeltondern,
bei
Kopenhagen ein Maglehus und
eine Maglekirke,
außerdem ebendort Straßennamen wie den Maglevej. Alle diese Namen gehen
auf das Wort magle
zurück, das man heute nur noch („maule“ ausgesprochen) in
Ortsnamen findet, im Altdänischen war es aber ein ganz normaler
Ausdruck, der einfach „groß“ bedeutete. Somit würde Magelsen
in Wirklichkeit
„Großhausen“
heißen und aus einer Gründung nordelbischer Raubkrieger
hervorgehen, die beispielsweise im Zuge des inneren Ausbaus des neuen
sächsischen
Stammesherzogtums die Besiedlung der Flussauen in Angriff genommen
hätten. Klingt vielversprechend.
Stimmt aber vermutlich nicht: magle hat einen kurzen Vokal (wird
also in etwa wie „Maggle“ ausgesprochen) und ist urverwandt mit
beispielsweise
gotisch mikkle und
althochdeutsch michil, was
zur urgermanischen Rekonstruktion *mekilaz
führt, die keine allzu große Ähnlichkeit zu Magulun
zeigt und sich außerdem im Hêliand
auch in ganz anderer Form im Altniederdeutschen findet: thar ên aha fliutid
Nîlstrôm
mikil („dort floss ein Wasser,
der mächtige Nilstrom“). „Großhausen“ lässt
sich also nur retten, wenn wir einen direkten dänischen Einfluss
sowie die spätere Längung des
Vokals und die aus irgendwelchen Gründen erfolgte Umwandlung von le/el bzw. il in ul annehmen wollen. Die Sache mit
dem Vokal ließe sich wegen der Längung von
Kurzvokalen in betonter
offener Silbe, die im Spätmittelalter das
Mittelniederdeutsche ebenso wie das Mittelhochdeutsche erfasste, noch
relativ leicht rechtfertigen (weitere Beispiele: saggen
zu sâgen, watter
zu wâter oder makkon zu mâken usw.); die
hypothetische Vokalentwicklung steht
allerdings im genauen
Gegensatz zu der sonst zu beobachtenden Tendenz zur
Vokalschwächung,
die in der deutschen Sprachgeschichte von ul und il in unbetonter Silbe immer zu el geführt hat. Zwar handelt
es sich bei Lautgesetzen nicht um streng
mathematische Zuordungen von der Art physikalischer Gesetze, sondern
eher um statistische Wahrscheinlichkeiten, trotzdem hat man auch bei
solchen gerne mehrere Belege, die aber in diesem Fall zu fehlen
scheinen. Und
schließlich lehnen einige Wissenschaftler heute, was den direkten
dänischen Einfluss angeht, eine nordelbische Herkunft
der Sachsen ab: Die älteste erhaltene Abschrift der
ptolemäischen
Geographie stammt aus dem 13. Jahrhundert, es könnte also gut
sein, dass ein mittelalterlischer Kopist die bei Tacitus für eine
Region irgendwo nördlich der Elbe genannten Aviones
durch die im vertrauteren Saxones
ersetzt hat; darüber
hinaus weisen Vergleiche englischer mit norddeutschen Ortsnamen eher
auf angelsächsische Wurzeln im Wesergebiet oder Ostfalen als auf
solche in Schleswig-Holstein.
Die Leser, die bis hierhin bei der
Stange geblieben sind, dürfen
aufatmen: Wir sind fast am Ende angelangt und haben nur noch eine
letzte Deutung von Magelsen
zu bieten, die überdies den großen Vorteil hat, einige der
vorstehend
genannten
Hypothesen in sich vereinen zu können ... Hierzu müssen wir
allerdings zum
Ausgangspunkt zurückkehren und uns noch einmal näher mit Magulun beschäftigen. Die
Annahme war ja, dass es sich um einen Hörfehler der
königlichen Schreiber gehandelt habe und eigentlich *Magulsun heißen müsse,
was ein älteres *Magulhusun
oder *Magulunhusun voraussetzt
– was aber, wenn dem
gar nicht der Fall war? Wie wir an Völkersen
sehen, das in derselben Urkunde wie Magelsen als Folkaresha
(wahrscheinlich aus *Folkaresaha
= „Volkersbach“) aufgeführt ist, sind die Grundwörter von
Ortsnamen
oft gar
nicht so festgelegt, wie man sich das vom modernen Verständnis her
denken würde,
sondern wurden durchaus flexibel gehandhabt.
Das wird auch durch die weiteren, im Mittelalter festgehaltenen Formen
von Magelsen unterstrichen,
unter denen wir ein Magellissin
und sogar ein Magelsheim finden, offenbar hängt also die
Schreibweise stark von der Tagesform des zuständigen
Kanzleibeamten ab, oder aber die
Vielfalt der Formen spiegelt tatsächlich einen eher anarchischen
Gebrauch der Suffixe wieder, die vielleicht in früheren Zeiten
gar nicht wirklich fest zum Namen gehörten und erst durch die
schriftliche Festlegung ihre heutige Form erhielten (siehe dazu auch Hoya). Vielleicht spielt ja der Umstand
eine Rolle, wie die jeweilig vorherrschende Namensform in einer
bestimmten Gegend lautet? In diesem
Zusammenhang ist es sinnvoll, kurz abzuschweifen und sich mit den
Namensbedeutungen
der umliegenden alten Magelser Ortsteile zu befassen.
Die alten Magelser Ortsteile
Alvesen
Für den westlich von Magelsen
am danach benannten Alveser See gelegenen Ort bietet sich auf den
ersten
Blick eine Deutung als „All-Wiesen“ im Sinne der mittelalterlichen Allmende
an. Nun heißt altniederdeutsch „Wiese“ aber wisa, wovon kein besonders gerader
Weg zu -vesen führt, und
Allmende
findet sich unpassenderweise als mittelniederdeutsch almene, almanie, gemene oder gemeinheit belegt, außerdem
ist es
eher wahrscheinlich, dass die Magelser Allmende in den Wiesen in
Flussnähe (also östlich des Dorfes) lag.
Eine andere Möglichkeit ist eine archaische Deutung von Al-,
das wie bei der Aller auf
indoeuropäisch *el/*ol =
„fließen“ zurückgehen könnte; beim Alveser See handelt
es sich ja zweifellos um einen alten Weserarm. Das gleichnamige Alvesen in den
Harburger Bergen sowie diverse Ortschaften mit ähnlichen Namen im
südlichen Niedersachsen (Alveshausen,
Alvesrode, Alvesse, Alvingen) und Schleswig-Holstein (Alvesloh), die nicht unbedingt an
Flüssen liegen, sprechen aber eher gegen diese Deutung.
Eine deutlich romantischere Erklärungsmöglichkeit würde
den Ort auf
altniederdeutsch alf = „Alb,
Elfe, Elbe“
zurückführen, die Ecke am Alveser See wäre also
sozusagen ein
tolkiensches „Elbenhausen“ gewesen, ein
verwunschener Ort, an dem unsere Vorfahren die Naturgeister im
Sonnenlicht spielen sahen ... Tatsächlich liegt
wahrscheinlich ein Personenname wie Adalfrid,
Alwin, Alverd oder Alvirik, eventuell mit zu [v]
assimilierten [f] zugrunde (das -v-
in Alvesen wird vor Ort noch
heute teils wie <f>,
teils wie <w>
gesprochen), und das -sen
geht auf ein verkürztes -husun
zurück. Der Ort
hätte also beispielsweise *Alverikeshusun
nach einem Ortsgründer Alverik
(immerhin mit elbischem Bezug = Alberich)
geheißen, was im Laufe der Zeit zu Alvesen
verkürzt worden wurde (zu starken Verschleifungen siehe auch Oiste).
Dahlhausen
Der erst im 16. Jahrhundert als Dahlenhusen belegte
Ort
liegt direkt an der Weser und scheint daher auf den ersten Blick
auf
altniederdeutsch dal =„Tal“ zurückzugehen. Nun müsste
dafür aber grammatisch korrekt ein altniederdeutsches *Dalahusun zugrunde liegen, was
nicht ganz zu dem Dahlen-
passt,
das eher nach einem älteren *Dalun
aussieht, was bereits Dativ Plural wäre. Zudem zeichnet sich der
hiesige Flusslauf nicht gerade durch einen talartigen Einschnitt aus,
die
Erklärung funktioniert also nur, wenn dal früher allgemein „Verlauf
des Flusses“ bedeutet hätte, was nicht nachgewiesen, aber immerhin
plausibel ist.
Möglich wäre entweder ein sehr alter
Ortsname, denn dal geht
vermutlich auf ein älteres indoeuropäisches *dhel- mir der Bedeutung „Biegung,
Krümmung“ zurück, oder man müsste ein verschliffenes *Dalmann oder dergleichen als
Personennamen des Ortsgründers annehmen, allerdings findet sich
ein sicher belegtes Dal- in
Personennamen nur im viel weiter östlich gelegenen
deutsch-slawischen
Kontaktgebiet (als Kurzform von Dalimir
oder Dalibor). Hypothetisch
möglich ist auch ein Ortsgründer namens Dalbert (im verwandten
Altenglischen häufig vorkommend) mit Koseform *Dalo, deren Genitiv *Dalun gelautet hätte.
Die eleganteste Lösung ist wohl ein älteres *Dalun oder *Dalum = „im Tal“ oder „im
(Weser-)Bogen“ bzw. als Verschleifung von *Dahlhem, *Dahlina = „Talheim, Wohnstätte
im Tal“ (vgl. Dahlum
bei Schöppenstedt),
das irgendwann nicht mehr verstanden und im Verlauf einer erneuten
Besiedlung mit einem
eigentlich
überflüssigen zusätzlichen -husun
versehen wurde.
Obernhude
Dieser Einzelhof („die obere Hude“) ist im Zusammenhang mit
dem einige Kilometer
flussabwärts gelegenen Neddernhude
(„die niedere Hude“) zu sehen, die früheste überlieferte
Namensform aus dem 13. Jahrhundert lautet hingegen Ewekenhude. Das Wort Hude
in Ortsnamen wird in der Regel mit dem mittelniederdeutschen hûde erklärt, was soviel
wie „Schiffsanlegestelle“, „Stapelplatz“ usw. bedeutete (etwa bei Buxtehude oder Fischerhude). Das
könnte zwar stimmen, weil sowohl Obern- als auch Neddernhude
direkt an
der Weser liegen, ergibt aber keinen Sinn in wirtschaflicher Hinsicht,
weil es an beiden Orten eigentlich nichts zu verschiffen gibt und
sicher auch im Frühmittelalter nicht gab. Einen
besseren Hinweis gibt uns die Verfassung der
Magelser Bauerschaft von 1709, in der Hude im Sinn von „Hüteweide,
Viehweide, Hütung“ verwendet wird. Zusammen mit dem „Eweke“, einer
mittelniederdeutschen Koseform von Eberhardt
ergibt sich die Bedeutung „Eberhardts Weide“. Neddernhude findet man zuerst als Heinokanhude belegt, was soviel wie
„Heinrichs Weide“ bedeutet.
Eggerikessen
Diesen Ort gibt es heute nicht mehr, er wird aber in
mittelalterlichen Urkunden als in der Nähe von Magelsen, „nach der
Weser hin" liegend aufgeführt. Irgendwann nach seiner letzten
Erwähnung 1281 muss er durch eine Weserflut
untergegangen sein, vielleicht durch das große Julihochwasser von
1342, durch das seinerzeit fast die ganze Stadt Münden
zerstört wurde. Dabei datiert seine Ersterwähnung sogar noch
vor der Magelsens: Zwischen 780 und 790 soll der heilige Willehad
in einem Ort
namens Eggrikeshusun im Largau eine Krüppelin geheilt
haben, und in Ermangelung ähnlicher Namen in der näheren
Umgebung muss es sich dabei um das spätere Eccerkessen, Eggerikessen bzw. Egerkessen gehandelt haben, wie der
Ort dann im weiteren Verlauf des Mittelalters genannt wurde. Die
Namensformen lassen sich alle problemlos auf den
friesischen Namen Eggerik
(von altfriesisch egg =
„Schwert“ + rik =
„mächtig“)
mit angehängtem -husun zurückführen,
der Ort wurde also offenbar von einem Kolonisator gleichen Namens
gegründet. Wie schon oben erwähnt, zeigt sich hier ein
gewisser friesischer Einfluss, der
vielleicht mit der friesischen Expansion im 6. und 7. Jahrhundert zu
tun hat, und da der Ortsname zweihundert
Jahre später noch kaum Verschleifungen aufweist, liegt die
Ortsgründung sicher auch nicht viel weiter zurück.
Wiehusen
Auch diese einzelne, direkt an der Weser gelegene Hofstelle,
die noch auf der kurhannoverschen Landesaufnahme von 1771 eingezeichnet
ist, muss durch eine Weserflut untergegangen sein; der dortige Flurname
lautet noch heute in de Wiehen.
Zu den
Erklärungen von Wie-
siehe Wienbergen, vermutlich
liegt dieselbe Wurzel vor, an die hier ein -husen angehängt wurde.
Die mächtigen Götter
Wie wir gesehen haben,
ist Magelsen – von Obernhude abgesehen – von lauter Orten umgeben, die
sich plausibel
mit einem Grundwort -husun
erklären lassen, bei den meisten ist außerdem als Grundlage
ein Kolonisatorenname vorauszusetzen. Nehmen wir also an, der Ort
hätte wirklich
ursprünglich Magulun
geheißen, im Laufe der Zeit wäre aber immer öfter
aufgrund der Macht der Gewohnheit, beispielsweise der häufigen
gleichzeitigen Erwähnung mit den umliegenden Dörfern, ein -husen oder -sen angehängt worden, was
schließlich zu der späteren Form Magelsen geführt hätte.
Interessanterweise lässt sich dieses Magulun dann ganz problemslos
deuten,
allerdings müssen wir dafür, wie zu Beginn schon angedeutet,
auf das Altenglische ausweichen: Hier finden wir ein Adjektiv namens méagol (übrigens von
Tolkien in „Der Herr der Ringe“ als Name für die Mutter
Sméagols verwendet), das den üblichen Lautgesetzen
zufolge auf ein urgermanisches, allerdings nicht belegtes *magulaz zurückgehen
müsste, was im Altniederdeutschen wiederum ein, ebenfalls nicht
belegtes, *magul ergeben
hätte
(eventuell eine dialektale Nebenform zu dem oben erwähnten mikil). Die
Bedeutung lautet mächtig,
stark, kräftig usw., und eigentlich
gibt es dafür in allen genannten germanischen Sprachen bereits das
„normale“ Adjektiv mächtig
(gotisch mahteigs,
altniederdeutsch mahtig,
altenglisch meahtig usw., das
h jeweils als ch ausgesprochen), weswegen man
vielleicht einen Lehneinfluss durch das oben erwähnte genannte
gallokeltische magios,
möglicherweise sogar über den Götternamen Magalu („der Große, der
Mächtige“)
annehmen sollte.
Die Form Magulun
kann nun allerdings in grammatischer Hinsicht als Dativ Plural oder
adjektivischer Dativ Singular weiblich gelesen werden, was eine
Lesart von „bei den Mächtigen (Göttern)“ oder „bei der
Mächtigen (Göttin)“
ergibt. Zwar ließe sich außerdem noch annehmen, dass sich
etwa eine
Siedlergenossenschaft beim Vordringen in die Flussaue als „die
Mächtigen“ bezeichnet hat oder eine solche Gruppe tatsächlich
von einer Frau
angeführt wurde, aber die vorstehende
Argumentation legt doch eher eine religiöse Deutung als Ort nahe,
an
dem den mächtigen Göttern oder einer ebensolchen Göttin
gehuldigt wurde.
Ebenso plausibel ist aber noch eine andere
Interpretation: Kirchen wurden nach der Christianisierung ja
häufig an Orten gebaut, die bereits vorher religiöse
Kultstätten waren. In diesem Zusammenhang ist es nicht
uninteresaant, dass einige der
in den
Turmfundamenten der Magelser Kirche verbauten Feldsteine (siehe
Abbildung rechts) neben
den typischen Wetzrillen, die vermutlich im Mittelalter und
in
der Frühen Neuzeit für das Schärfen von Waffen oder
Sensen verwendet wurden,
auch sogenannte „Steinnäpfchen“ aufweisen, die sich häufig
auf den
Decksteinen alter Megalithgräber
finden; möglicherweise stand also an dieser Stelle früher ein
solches
Grab, dessen Steine dann später für den Kirchenbau verwendet
wurden. In
einer neueren Untersuchung zur Religion der Megalithkultur (Mahlstedt,
Ina: Die
religiöse Welt der Jungsteinzeit, Stuttgart 2004) wird eine
kultische
Bedeutung der sonst nur als Kollektivgräber gedeuteten
Megalithbauten
nahegelegt, die ja in einigen Fällen durchaus noch bis ins
Mittelalter hinein
als vage Erinnerung durch die Volksüberlieferung geisterte.
Möglicherweise ging es also nicht um nur mächtige
Götter, denen man den Ort geweiht hatte, sondern um mächtige
Ahnen (was aber letzten Endes auf dasselbe hinauslaufen dürfte).
Genaueres nicht bekannt
Was bedeutet dies nun alles für den Zeitpunkt der
Ortsgründung?
Falls Magulun nur die
Kurzform von *Magulunhusun
darstellt, dürfte der Ort auf einen Gründer namens Magelfred (die Bedeutung
wäre „mächtiger Friede“) oder ähnlich mit Koseform *Magulo
zurückgehen und die Gründung in die Jahrhunderte nach der
großen
angelsächsischen Auswanderungswelle nach England fallen. Sollte
aber Magulun die
ursprüngliche Form
darstellen und unsere Argumentation stimmen, müsste ein
älterer
heiliger Ort für die „Mächtigen“ oder sogar eine uralte
megalithische Kultstätte schon lange vor der
vollen landwirtschaftlichen Erschließung der Flussaue bestanden
haben, welche sich in den typischen „Kolonisatoren-Namen“ auf -husun um Magelsen herum andeutet.
Diese Kultstätte müsste auf jeden Fall vor den Sachsenkriegen
Karls des Großen Ende des 8. Jahrhunderts angelegt worden sein,
da die Niedersachsen an der Mittelweser danach natürlich getaufte
Christen waren und
sicher keine Orte mehr nach ihren alten Göttern benannt
hätten. Eventuell hat es an diesem Ort tatsächlich schon in
ältesten Zeiten eine gewisse Vorbevölkerung gegeben, die von
Fischfang und Viehwirtschaft gelebt hat, dann aber von den
Ackerbau-Pionieren überschichtet worden ist; selbst in diesem Fall
sollten wir aber mit
einer dauerhaft ansässigen ackerbauenden Bevölkerung (und das
heißt, der tatsächlichen Ortsgründung) erst ab
frühestens dem 5. Jahrhundert rechnen. Danach blieb noch
genügend
Zeit für die Herausbildung einer differenzierten Besitzstruktur,
die es Großgrundbesitzern wie Willari im 9. und 10.
Jahrhundert überhaupt erst ermöglichte, einen Teil ihrer
ausgedehnten Ländereien der Kirche zu überlassen.
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